Full text: Allgemeine Einleitung, Descartes' Leben, Werke und Lehre (1. Band)

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Geschichte der Philosophie 
der Geist muß sich desselben bewußt werden, wenn er sich über— 
haupt seiner bewußt werden will. Denn dieses innerste Motiv 
ist er fselbs Und diese Aufgabe zu lösen, gibt es kein anderes 
Mittel als die Philosophie. 
Diese Aufgabe wird um so schwieriger, je reicher und viel— 
gestaltiger die Bildungswelt ist, welche die Philosophie aus ihrem 
Mittelpunkte heraus erleuchten soll. Der geistigen Richtungen und 
Interessen, die sich auf dem lebensvollen Schauplatze der Welt 
drängen, sind viele, verschiedenartige, entgegengesetzte, die einander 
bekämpfen. So verschiedenartig sind die in dem menschlichen Geistes— 
leben wirksamen Motive. So verschiedenartig müssen demnach auch 
die philosophischen Richtungen sein, die in einem solchen Zeitalter 
zur Geltung kommen, und es ergibt sich von selbst, daß die Wider— 
sprüche der Zeit in widerstreitenden Systemen hervortreten, deren 
jedes eine Seite des herrschenden Menschengeistes wissenschaftlich 
erscheinen läßt, und die sich gegenseitig ergänzen, um die philo⸗ 
sophische Aufgabe der Zeit zu lösen. 
Es gibt herrschende Zeitrichtungen, die sich entweder allein 
gültig oder mit einem unverkennbaren Übergewichte hervortun und 
die geschichtlich wirksamen Kräfte in ihren Dienst nehmen, gestützt 
entweder auf die große Aufgabe der Zeit, auf die höchsten Inter— 
essen des menschlichen Geistes, die alle übrigen in den Hintergrund 
drängen und verdunkeln, oder auf die Interessen der Masse, die 
mit der Geltung ihrer Lebenszwecke in den Vordergrund rückt und 
zeitweilig alle andern Bildungsinteressen überwuchert. So entstehen 
auch in der Philosophie herrschende Systeme einer doppelten Art: die 
tiefsinnigen, die in das Innerste des menschlichen Geistes ein— 
dringen, und die populären, die nur soviel begreifen, als die 
meisten begehren. 
Indessen, wie auch der geschichtliche Geist beschaffen sein mag, 
der sich in der Philosophie aufklärt, diese Aufklärung ist immer mehr 
als ein bloßes Abbild. Um zunächst das große Verhältnis im 
verkleinerten Maßstab zu beobachten: die Philosophie verhält sich 
zu dem geschichtlichen Menschengeist, wie die Selbsterkenntnis zu 
unserem Leben. Was liegt in dem Akte der Selbsterkenntnis? 
Wir ziehen uns von der Außenwelt, die uns einnahm, zurück und 
beschäftigen uns mit uns selbst; es ist das eigene Leben, das wir 
uns gegenständlich machen, und indem wir ihm betrachtend gegen—
	        
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