Bleibende Lebensgenossen: Montaigne 351
geringer Nun aber zu der anderen Quelle der Belehrung und der Be-
»r schät- wunderung, die bei diesem einzigen Manne unerschöpflich fließt,
höre ich zum Schriftsteller! Montesquieu hat hier den Kernpunkt so genau
sch näm- bezeichnet, daß man am besten fährt, wenn man ihn anführt —
je eigene was ich hier aus dem Gedächtnis tue: „Betrachte ich ein Buch genau,
n’ai point ich erblicke den Verfasser an seinem Tische, wie er schreibend sich
quw’apres abmüht; bei dem einen Montaigne dagegen erblicke ich den Denker
Don in dem Augenblick, wo die Gedanken ihm aus dem Hirn hervor-
le donne sprudeln“. Hiermit wird meines Erachtens ein höchstes Lob aus-
ne toutes gesprochen: die Kunst des Schreibens derart meisterlich in der Ge-
mir aus- walt zu haben, daß die reine Spontaneität fleckenlos zum Ausdruck
icht eher, kommt. Soweit mein Überblick reicht, halte ich in dieser Beziehung
eniger ‚als Montaigne für den ersten Schreib-Künstler aller Zeiten. Vielleicht er-
en; daher, innern Sie sich des Wortes Goethe’s über sich, er „künstele am Stile,
em Glück daß er recht natürlich werde“? Nichts ist in dieser Kunst schwieriger
hr, als ich als die Übertragung aus dem stets forteilenden Strom des Gedachten,
. er, „habe Empfundenen, Erblickten, Geahnten in die Regungslosigkeit des zu
>», und das Schriftzügen Gebannten, ohne daß auf diesem Wege das Leben zu
svoller Ge- Tode erstarre, oder wenigstens an Atem- und Bewegungskraft
‚eistungen: schwere Einbuße leide. Hier ist Montaigne der Meister aller Meister
fühle mein und daher lebenslänglich die Schule für jeden, der gut schreiben
n.‘“ Wozu möchte. Wie immer bei gipfelnden Erscheinungen, kam auch in
mn, die am diesem Fall zu der außerordentlichen Begabung die außerordent-
ehen; denn liche Gunst der Umstände. Montaigne, der eine vorzügliche Er-
anen Urteil ziehung genossen hatte und schon als Kind fließend Latein sprach,
und hart- lehnte die gelehrte Laufbahn der Kirche ab und erwählte die prak-
derjenigen tische des Gutsherrn und Weltmannes, wodurch er reich an Er-
Gott, stolze fahrung und Urteil wurde; erst als er dem öffentlichen Leben ent-
bietet auch sagte und sich auf seine Güter zurückzog, nahm er die Feder zur
das Einem Hand und schrieb zur behaglichen Ausfüllung seiner Muße und um
pfiehlt, „de sich selber kennen zu lernen; kaum daß die Vorstellung, es könnten
7ersuchung, sich Leser einfinden, ihm gelegentlich vorschwebt. Daher denn die
udeuten. ..- vollendete Natürlichkeit: „Je suis tout simplement ma forme natır-
en eigenen relle‘“ — ich folge ganz einfach der angeborenen Richtung. Zwei
:reude auf: sich ergänzende Vorzüge ergeben sich aus diesem Tatbestand: die
” Genies ge- gewonnene Freiheit des Blickes und die Entfesselung aus aller in-
teressierten Absichtlichkeit. Wer nämlich die Schule des Welt-