Full text: Rückblick auf die Geschichte der Rechenkunst

XIV. Jahrgang. - Kr. 34. 
Verbreitet st e Zeitung und wirksam st es Annoncen-Organ der St/ 
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4. ginn. Dir ,S(ad)erui Anieiger, Polili? ! ‘i S[,tl >ü IM Post,zri,nngz.Katal°g unter Nr. l -mg-,mg-». 
Soimlae, den 7. Februar 1892. (loiminlii.) 
®ec „Aachener Anzeiger. Politisches Tageblatt" erscheint - mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage - täglich zweimal (in einer Morgen- nnd Abend-AuSaabe). - Man abonnirt bei allen deutsch^°^'^°"°" lür Mk. 3.50; in Aachen und Burtscheid für Mk. 3.25 
Vierteljährlich. - D.e dem Blatte überwiesenen Anzeigen finden ohne Extra Berechnung auch im „Aachener Anzeiger. noncen-Drgan für den RegiernugS-Bezirk Aachen" Aufnahm« ~ Abbestellungen auf das „Politische Tageblatt" können nur dann 
berück,ichttgt werden, wenn dieselben spätestens einen Tag vor Onartalschlnß geschehen und schriftlich oder mündlich im ^rpeditionslokale (Hartmannstraße 80, neben M. Jacobi's Nachf. Bnchha^"3) gemacht werden; durch die Trägerinnen werden 
MiKblick auf die Geschichte der 
Wechenkunst. 
(Bortrag des Herrn Prof. Dr. von Mangold! 
dei der Kaisersgebnrtstagsfeier der Königl. Technischen 
Hochschule hier.) 
Hochansehnliche Versammlung! 
Mit freudig bewegtem Herzen feiern wir die dreinnd- 
öreißlgste Wiederkehr des Geburtstages Seiner Majestät, 
unseres erhabenen Kaisers nnd Königs Wilhelm des Zweiten. 
Wieder liegt ein Jahr hinter uns, in welchem wir uns der 
Segnungen des Friedens erfreuen durften, trotz aller rau 
schenden Verbrüdernngsfeste. welche die Feinde in Ost und 
West gefeiert haben. Jedes solche Jahr bestärkt uns in dem 
Dank gegen Gott, daß Er auf Deutschlands Kaiserthron 
einen Mann berufen hat, der es als seine heiligste Pflicht 
wkennt, das Kleinod des Friedens zu bewahren, so lange 
es die politischen Verhältnisse und die nationale Ehre nur 
Igend gestatten, und zu dem wir zugleich das feste Ver 
trauen haben dürfen, daß ihn die Stunde der Gefahr, 
wenn sie je eintreten sollte, ans seinem Posten finden werde. 
Das verflossene Jahr war in vieler Beziehung ein Jahr 
der Vorbereitung, der Aussaat. Nach langen und schwierigen 
Verhandlungen sind mit befreundeten Nationen Verträge 
vereinbart worden, die bestimmt sind, unserm Handel und 
unserer Industrie neue Absatzwege zu erschließen und die 
niaterielle Wohlfahrt und das Gedeihen unserer stetig an 
wachsenden Bevölkerung zu sichern. Vor wenigen Wochen 
erst sind die Verhandlnugen unserer gesetzgebenden Körper 
schaften über diese Verträge zum Abschluß gelangt. Daneben 
find eine Reihe anderer Gesetzentwürfe, die zum Teil auf 
die eigenste Initiative unseres jugendlich thatkräftigen Herr 
schers zurückzuführen sind, teils in der Ausführung, teils 
in der Vorbereitung begriffen. Möchte diese Saat kräftig 
wachsen und gedeihen, möchte es unserm Kaiser beschieden 
sein, dereinst auch die Zeit der Ernte zu erleben, und durch 
Erfahrung bestätigt zu sehen, daß seine vielfachen Anregnn- 
/» und Bemühungen zum Heil und Segen seines Volkes 
atisgeschlagen sind. Das ist einer der Wünsche, die wir 
'hm heile zu seinem Geburtstagsfeste darbringen. 
In einer solchen Stunde, wie der gegenwärtigen, wo 
wir die Alltagsarbeit ruhen lassen, um in weihevoller Stim 
mung unserm Kaiser und König zu huldigen, ziemt uns 
wohl ein Rückblick auf vergangene Zeiten und ein Vergleich 
derselben mit unsern heutigen Zuständen. Denn ein solcher 
Rückblick und Vergleich lehrt uns zu erkeunen, tvas unsere 
Ahnen in friedlicher Jahrhunderte laug fortgesetzter Kultur 
arbeit erreicht haben, und froh die Früchte ihres Fleißes zu 
genießen. Er zeigt uns einerseits, daß unsere Vorfahren 
nicht vergeblich gearbeitet haben, und andererseits, daß sie 
das, was wir ihnen verdanken, nicht leichten Kaufes ge 
wonnen, sondern nur durch mühevolle schwere Arbeit er 
rungen haben. Dadurch werden auch wir zu immer neuer 
und neuer Arbeit ermuthigt, und bestärkt in dem Vorsatz, 
die auf das Wohl des ganzen Vaterlandes gerichteten Be 
strebungen unseres allergnädigsten Kaisers durch ausdauernde 
treue und aufopfernde Pflichterfüllung in unseren verschie 
denen Berufen zu unterstützen. 
Wir sind gewohnt, es heutzutage als etwas ganz Selbst- 
verständliches anzusehen, daß Jedermann lesen, schreiben 
und rechnen kann. Aber es war durchaus nicht immer so, 
und die Zeiten, wo es anders rvar, liegen noch gar nicht so 
sehr weit hinter uns. Mein Fach legt es mir nahe, ins 
besondere die Frage zu behandeln, woher denn eigentlich die 
jenigen elementarmathematischen Kenntnisse stammen, die wir 
heute stolz als Gemeingut unseres ganzen Volkes bezeichnen 
dürfen, wem wir dieselben verdanken, uitd tvann und tuie 
sie sich in unserm Vaterlande verbreitet haben. 
Außer den sogenannten arabischen Ziffern, deren wir uns 
jetzt ganz allgemein bedienen, sind Ihnen allen die römischen 
Zahlzeichen bekannt, die ja auch von uns noch hier und da 
zur Angabe von Monats- oder Jahreszahlen benutzt werden. 
In diesen römischen Zeichen finden Sie oben auf der ersten 
Tafel zivei Zahlen angeschrieben (MDXY : CCCXLIX). 
Tafel 1. 
100000 
50000 
10000 
5000 
1000 
500 
100 
50 
10 
5 
MDXV CCCXLIX 
* 9 9 9 
S - S O O O @ 
O 9 
1 i ‘ • ® • • *-•- • • 
Schon das Lesen dieser Zahlen geht, wie Sie bemerken, nicht so 
glatt von statten, wie das der unserigen. Man braucht einige 
Seknnderi, bis man sich klar gemacht hat, daß das erste 
Zeichen die Zahl 1515 und das zweite die Zahl 349 dar 
stellt. Nun denken Sie Sich die Ausgabe gestellt, diese 
beiden Zahlen zusammenzuzählen! Dann erkennen Sie 
einen zweiten Nachtheil, den die Antvendnng der römischen 
Zeichen mit sich führt: Sie gewähreu für das Nechnen 
mit größeren Zahlen nicht die geringste Erleichterung. Wer 
nicht im stände ist, die gesuchte Summe im Kopfe zu fin 
den, dem hilft das Untereinanderschreiben der gegebenen 
Zahlen in römischen Zeichen auch nicht weiter. Bei Be 
nutzung dieser Zeichen ist die schriftliche Ausrechnung einer 
Summe genau ebenso schwer, wie die Ansrechnnng im 
Kopse. Aehnliches gilt natürlich von der Multiplication 
und Division, ja die Unzweckmäßigkeit der römischen Zahl 
bezeichnung macht sich hier noch viel empfindlicher geltend. 
Es ist also durchaus keine gleichgültige Sache, in welcher 
Weise man die Zahlen schriftlich durch Zeichen darstellt, nnd 
es ist nicht etwa blos Zufall, daß unsere modernen Ziffern 
die römischen in allen Enltnrländern verdrängt haben. Die 
moderne Art der Zahlschreibung ist eben unvergleichlich viel 
brauchbarer und geschmeidiger als die römische. 
Abbestellungen niemals angeunmineu. 
Dies beruht aber ans folgenden Gründen: 
1. Jede der Zahlen 1 bis 9 wird durch einen beson 
deren kurzen Schriftzug, eine sogenannte Ziffer, dar 
gestellt, der nicht, wie etwa die römische VIII ans 
anderen Zahlzeichen zusammengesetzt ist. 
2. Jede der Ziffern 1 bis 9 hat neben ihrer ursprüng 
lichen Bedeutung einen Stellenwert, d. h. sie stellt 
je nach dem Platz, welchen sie einnimmt, bald Einer 
dar, bald Zehner, bald Hunderte, bald Tausende u. s. tz. 
3. Zu den 9 Ziffern 1 bis 9 tritt noch ein zehntes 
Zeichen, die 0, hinzu, welches bestimmt ist, überall 
da, wo es vorkommt, das Fehlen von Einheiten der 
betresfenden Ordnung anzuzeigen. 
Die Einführung des Stellenwertes der Ziffern und de: 
Gebrauch der Null gewähren uns die Möglichkeit, jede be 
liebig große gegebene Zahl durch die 10 Zeichen 0 ... 9 aus 
zudrücken nnd die Einführung neuer Zeichen für die größeren 
Zahlen zu vermeiden. Dieselben Kunstgriffe setzen uns in 
den stand, die Addition von 2 beliebig großen Zahlen zu 
rückzuführen auf die wiederholte Addition von je 2 Zahlen, 
welche kleiner sind als 10, und deren Summe man ein für 
allemal auswendig weiß, und ebenso die Subtraction, Mul 
tiplication und Division größerer Zahlen ans eine Neihc 
von Rechnungen, die sämmtlich mit kleineren Zahlen auszu 
führen sind. 
Den Römern waren diese Kunstgriffe gänzlich unbe 
kannt, und gleiches gilt auch von den Griechen. Bei dieser 
waren zu verschiedenen Zeiten verschiedene Arten der Zahl- 
bezeichnung in Gebrauch. Aber keine derselben gab dec 
römischen an Unbeholfenheit und Schwerfälligkeit das ge 
ringste nach. Insbesondere ist von einem Stellenwert de: 
Ziffern, oder einem Gebrauch der Null keine Rede. Des 
wegen ist die Frage wohl berechtigt: Wie haben es dir 
Alten eigentlich angefangen, auch nur mit denjenigen Rech 
nungen fertig zu werden, die das bürgerliche Leben nnd de» 
verhältnißmäßig hoch entwickelte Verkehr, die Slaatsver 
tvaltung und Steuererhebung, sowie die Feststellung deh 
Kalenders und der Chronologie tagtäglich mit sich brachten 
und gar die rechnerischen Leistungen zu vollbringen, dir 
wir in ihren mathematischen Werken niedergelegt finden? ; 
Bei Beantwortung dieser Frage ist folgendes zu be 
denken : 
Die Alten zählten nach Zehnen, Hunderten und Taus 
seuden ebenso wie wir, und die Worte für Zahlen, tuU 
z. B. 5, 50, 500, die im Lateinischen quinque, quinga^ 
giiita, quingenti, und im Griechischen pente, pentekontfe 
und pcntakosioi lauten, hatten bei ihnen ebensogut gleicher 
Klang, wie bei uns. Der sprachliche Ausdruck ihrer ZahlcL 
war alw zum Kopfrechnen ebensogut geeignet, wie be) 
unsrige, nur die schriftliche Art der Darstellung war un 
zweckmäßig. Deswegen wäre es an und für sich wohl mög> 
lich, daß sie den größten Teil ihrer Rechnnngen im Kopfe 
erledigt, und nur hier und da das Ergebnis einer Zwischen 
rechnung niedergeschrieben hätten. Genialen Naturen, wie 
einemArchimedes, einem Apollonius von Pergae, einem Hipparch, 
einem Diophant, oder einem Ptolemaeus, die alle ihre Zeit 
genossen weit überragten, ist ein solches Verfahren wohl 
zuzutrauen. Aber die große Masse war hierzu sicher nicht 
fähig. Sie muß sich bei ihren Rechnungen irgend welcher 
Hülfsmittel bedient haben. Und in der That lassen sich 
solche Hülfsmittel nachweisen, nämlich erstens ein ausgebil 
detes Fingerrechnen, bei welchem die Einer und Zehner mit 
der linken, die Hunderte und Tausende mit der rechten 
Hand durch entsprechendes Strecken, Bengen oder Umleger 
der Finger dargestellt rvnrden, und dann vor allem der so 
genannte Abacus, oder zu Deutsch das Rechenbrett. 
Als Rechenbrett bezeichnet man einen Apparat, der zeit- 
lich und räumlich ungemein weit verbreitet, bei verschiedene» 
Völkern nnd zu verschiedenen Zeiten verschiedene Konstruk 
tionen erhalten hat, die aber alle auf den gleichen Grund 
gedanken beruhen. Auch in unserm Vaterland war dieses 
Hülfsmittel einst in ganz allgemeinem Gebrauch, besonders 
im 16. Jahrhundert. Das Rechnen mit dem Rechenbrett 
wurde damals als „Rechnen auf Linien" bezeichnet, zum 
Unterschied von unserm heutigen Zifferrechnen, welches 
Rechnen „auf der Feder" hieß. Wir besitzen ans jener 
Zeit eine ganze Reihe von elementaren Rechenbüchern, in 
denen das Nechnen auf den Linien ausführlich geschildert 
wird, so z. B. von Jacob Köbel, Stadtschreiber zu Oppen 
heim, „Ain New geordnet Rechenbiechlin anst' den linien" 
ans dem Jahre 1516, und von Johann Albrecht ein „Re- 
chenbüchlein auf der linien, dem einseitigen Mann oder 
leien zu gut", welches mindestens 9 Auflagen erlebte. 
Selbst ein Man», wie der ehemalige Angustinermönch Mi. 
chael Stisel, der als einer der allerbedeutendsten Mathe- 
matiker seiner Zeit bezeichnet tverden muß, hat es nicht vcr^ 
schmäht, in seiner „Deutschen Arithmetika" das Nechnen 
auf Linien zu behandeln. 
Noch bekannter als die eben Erwähnten ist Adam Riese, 
der heute noch im Munde des Volkes fortlebt. „Nach 
Adam Niese", so pflegt man ja zu sagen, wenn man die 
zweifellose Gewißheit eines Ergebnisses elementarster Re 
chenkunst zu bekräftigen wünscht. 
Geboren 1492 zu Staffelstein in Franken''') lebte Riese 
jedenfalls schon von 1515 an zu Annaberg in Sachsen, 
war daselbst als Vergbeamter thätig, und hielt wie Andere 
nebenbei eine Privatschule, in tvelcher er seine Rechenkunst 
lehrte. Schon im Jahre 1518 veröffentlichte er seine 
„Nechenung aufs der linihen, in Massen man es pflegt tzA- 
lern in allen rechenschulen", ein Buch, welches sich 4 Jahre 
später in neuem Gewände darbietet als „Nechenung auf der, 
Linien und Federn, Anff allerley Handtierung". Durch 
dieses kleinere Rechenbuch, welches tvährend des 16. Jahr 
hunderts wenigstens 19, und im folgenden Jahrhundert 
wenigstens noch 10 Auflagen erlebte, sowie durch ein spä 
ter gedrucktes größeres Rechenbuch hat Riese seinen Ruhm 
begründet. 
Das Rechenbrett, dessen man sich im 16. Jahrhundert 
bediente, war ein höchst einfacher Apparat. Es bestand 
ans nichts weiter als einer Reihe von parallelen geraden 
Linien, die auf einem Brett oder einer Tischplatte in glei 
chen Abständen von einander querüber vom Rechnenden 
von links nach rechts gezogen waren. Auf »einem solchen 
Brett, w>e cs burch die Tafel 1 dargestellt wird, wurden 
nun die vorkommenden Zahlen mit ^ilHHHHrwngen an 
gelegt. 
') Vgl. P. Tiruts-.'in, Das Rechnen im 16. Jahrhundert, 
Zeitschrift für Mathematik und Physik, Supplement zur hist, 
lit. Abteilung des XXII. Jahrgangs, 1877. 
Die naive Breite und die urwüchsige Klarheit der alten 
Rechenmeister sind zu köstlich, als daß ich mir versagen 
sollte, das Verfahren zum teil mit ihren eigenen Worten zu 
schildern.*) Zuerst ist „von krasst der Linien nnd jrer 
Bedeutung" die Rede. 
„Clar ist", so läßt sich Köbel vernehmen, „das die 
vnderst linig Ains bedeut, Die zwait Zehen, die drit Hun 
dert, Die fierd Tnnsent, u. s. w. vnnd also anff vnnd anff 
So vielder Linien gemacht werden, Bedeut aine yede Linig 
Zehen» mall als vil, als die nechst Linig vnnder yr." — 
Zur Erhöhung der Uebersichtlichkeit wird empfohlen, stets 
auf die vierte Linie „ain Crützlein oder sunst ain zeichn" 
zu machen, um anzudeuten, daß sie 1000 bedeutet, nnd 
daß von ihr „widernmb ain anfang ist ausf Tansant zu 
zelen". 
Aber auch die Zwischenräume, die sogenannten Spacien, 
hatten ihren besonderen Werth: Es bedeutete nämlich „die 
Erst vnd vnderst veldnug. oder spacium zwische der 
Ersten vn zwaitcn Linien Fünff, Das Ander Spacium 
zwischen der zwaytten on dritten» Linien fünfftzigk u. s. w. 
vnnd also für ouud für Bedeut ain yeklich Spacium fünff 
mal als bill, als die nechst Linig vnder ym, vnnd halb als 
vil, als die nechst Linig ob ym". Etwas kürzer sagt Stifel : 
„Ein jeder Rechenpfenning, der anff einem spacio ligt, be 
deutet halb so vil als einer anff der nehisten linien drob 
vnnd fünffmal so vil als einer anff der nehisten linien 
drunder." 
Nach diesen Festsetzungen ist es leicht, eine gegebene 
Zahl mit Rechenpfennigen auf dem Rechenbrett anzulegen. 
Als Beispiele sind in der Figur die beiden in römischen 
Zeichen ausgedrückten Zahlen 1515 und 349 auch durch 
Rechenpfennige dargestellt. Insofern bei dieser Art Zahlen 
anzugeben jedem Rechenpfennig ein von seiner Lage ab 
hängender Stellenwert zukommt, sehen wir hier schon einen 
der vorhin erwähnten Kunstgriffe angewendet, ans denen 
die Zweckmäßigkeit unseres Zahlensystems beruht. 
Mit Hülfe des Rechenbretts kann man die Addition 
zweier Zahlen fast ohne alles Nachdenken rein mechanisch 
ausführen: Man legt eben beide Summanden in Rechen 
pfennigen neben einander an, nnd hat dann nur die Vor- I 
schrift der alten Rechenbücher zu beachten: „das du nit j 
fünff Rechenpfening anff ainer Linien oder zwen in aim 
spacium ligen lassen soll", sondern „alsdan soltu die selben» 
fünff ausfheben vnd ain dar für in das nechst Spacium 
ob der selben Linien legen. In gelicher weiß als osft du 
zwen Rechenpfening in aim Spacium findest soltu alweg die ! 
zwen aufhebe vn ain dar für auf die nechst Linig ob dem | 
selben spacium legen", so daß also nach beendeter Rechnung 
auf jeder Linie höchstens 4 und in jedem Zwischenraum 
höchstens ein Rechenpiennig liegen konnte. Nach dieser Regel 
ist in der Zeichnung rechts die Summe der beiden links 
angelegten Zahlen gebildet. 
Ebenso einfach gestaltete sich die Subtractio». Erwies 
es sich dabei als nötig, wie wir heute sagen „Eins zu 
boren", nun so wurde je nach Bedürfnis ein weiter oben 
liegender Rechenpfennig in mehrere weiter unten liegende 
nnderteilt oder zerfällt, also z. B. ein Pfennig ans einem 
Spacium weggenommen, und durch 5 Pfennige auf der 
nächsten Linie darunter ersetzt. 
Von dem bei dieser Art des Abziehens vorkommenden 
wirklichen Wegnehmen oder Aufheben gleichwertiger Rechen 
pfennige des 'Minuendus nnd des Subtrahendus stammt 
unsere heutige Redensart „hebt sich", die bei so mancher 
langen Rechnung schließlich die willkommene Lösung bringt. 
Auch zur Multiplication nnd Division ließ sich das 
Rechenbrett verwenden. Dabei wurde dasselbe zunächst durch 
eine verticale von oben nach unten verlausende Linie in 2 
Felder, sogenannte Banckire, abgeteilt War nun z. B. 
irgend eine größere Zahl mit einer einziffrizen geraden 
Zahl, also mit 2, 4, 6 oder 8 zu multipliciren, so wurde 
nur die größere Zahl in dem rechts befindlichen Banckir 
mit Rechenpfennigen aufgelegt, die kleinere dagegen im Kopf 
behalten, oder nebenbei aufgeschrieben, und außerdem auch 
gleich die Hälfte dieser kleineren Zahl notivi. Nun lautete 
die Regel einfach folgendermaßen: 
„Greifs auf die höchste lini, dar anff du etwas kaust 
ausfheben, wenn es gleich nur ein Halbs were. So ossi du 
nn einen Rechenpfenning aufhebst von der lini, die du 
greyfst so oft mustu dein geschriebne zal gantz hinüber legen, 
(nämlich in das linke Banckir) gegen deinem finger, das ist 
eben anff die lini die du greifst. So osft du aber einen 
Rechenpfenning aufhebst vom spacio vnder der linie die du 
greifst, so offt mnstu dein geschribne zal nur halb hin 
überlegen." 
War so die Linie, worauf der Finger stand, und das 
Dcmunex- vefindUche Spacium erledigt, so rückte mail den 
Finger auf die nächste Linie darunter und verfuhr in 
gleicher Weise. So allmählig alle Linien bis zur untersten 
behandelnd, nnd die links angelegten Gruppen von Pfen 
nigen in der bei der Addition geschilderten Weise verein 
fachend rand man schließlich das gesuchte Produkt. 
In anderen Fällen wird der Ausdruck der anzuwen 
denden Regel in Worten schwerfälliger. Aber praktisch 
ivaren alle diese Regeln, so umständlich sie auch lauten 
mochten, doch leicht zu behalten und anzuwenden. 
*) Nach Treutlein, a. a. O. S. 24 ff. 
(Fortsetzung folgt.) 
MilMick ans die Geschichte der 
Hiechenkimst. 
(Vortrag des Herrn Prof. Dr. von Mangold! 
bei der Kaisersgednrtstagsfeier der Königl. Technischen 
Hochschule hier.) 
(Fortsetzung aus Nr. 32 d. Bl.) 
Uns, die wir seit frühester Jugend im Nechnen geübt 
sind, und das Einmaleins sicher im Kopfe haben, erscheint 
jetzt das Rechenbrett als ein durchaus übersiüssiges In 
strument. Aber für den ersten Unterricht im Nechnen hat 
es, wie ich glaube, auch heute noch eine große Bedeutung. 
Ein Satz wie „5 und 7 sind 12" hat ja an und für sich 
keinen anschaulichen Inhalt; er ist abstrakter Natur und 
deswegen für ein Kind zunächst gar nicht verständlich. 
Aber „5 Rechenpfennige, und dann noch 7 dazu, sind 12 
Rechenpfennige", das ist ohne weiteres klar. 
^ Und noch eins ist zu bedenken. Mit den kleinen un 
geübten Fingern Ziffern schreiben, und dabei gar noch 
nachdeukeu zu sollen, das ist ja entsetzlich langweilig; aber 
mit Pfennigen auf einer Tafel Zahlen anzulegen, dieselben 
zusammenzuzählen und abzuziehen, sich jedesmal von neuem 
darüber zu freuen, wenn 5 Pfennige auf einer Linie zu 
sammengekommen sind, und durch einen im Spacium er 
setzt werden können, und so spielend zu Ergebnissen zu 
gelangen, die man vorher nicht kannte, das ist das reine 
Vergnügen. 
Schon die alten Rechenmeister haben dies eingesehen. 
In Adam Riese haben wir gewiß einen erfahrenen alten 
Praktiker vor uns, und seinem Zeugniß dürfte deswegen 
besonderes Gewicht beizulegen sein. Er sagt aber: 
„Ich habe befunden in Unterweisung der Jugend, daß 
alleweg die, so auf den Linien anheben, des Rechnens fer 
tiger und lauftiger werden, denn so mit den Zisiern, die 
Feder genannt, ansahen. In den Linien werden sie fertig 
des Zählen und alle Exempla der Kanfhändel und Aus 
rechnung schöpfen sie einen besseren Grund, mögen alsdann 
mit geringer Mühe auf den Ziffern ihre Rechnung voll 
bringen". 
Auch im Altertum war das instrumentale Nechnen in 
Uebung. Schon das lateinische Wort ealculare für Rech 
nen, und ebenso das griechische psephizein weisen darauf 
hin. Denn calculus, vder griechisch psephos heißt Stein- 
chen, und ealeulars oder psephizein ist soviel, wie mit 
Steinchen hantieren. Aber es liegen noch bestimmtere 
Nachweise vor. So erzählt znm Beispiel Herodot: „Die 
Aegypler schreiben Schristzüge und rechnen mit Steinen, 
indem sie die Hand von rechts nach links bringen, während 
die Hellenen sie von links nach rechts führen". Und Poly- 
bius vergleicht die Höflinge mit den Steinen auf dem 
Rechenbrett. Wie diese nach dem Willen des Rechnenden 
bald einen Chalkus, bald ein Talent gelten, so seien die 
Höflinge auf den Wink des Königs hin bald hoch beglückt, 
bald überaus elend. 
Im Jahre 1846 ist auf der Insel Salamis eine 
große marmorne Tafel von anderthalb Meter Länge und 
drei Viertel Meter Breite gefunden worden, welche drei 
Reihen von Zahlzeichen und zwei Gruppen von parallelen 
Linien aufweist, und jedenfalls znm Rechnen gedient hat, 
mag sie nun der Geschäftstisch eines Geldwechslers, oder 
eine Art von Spieltisch gewesen sein. Aus dem römischen 
Altertum sind uns sogar mehrere Exemplare von Rechen 
tafeln erhalten geblieben. Dieselben Gedanken, auf 
welchen das mittelalterliche Nechnen auf den Linien beruht, 
haben hier zu einer äußerlich wenigstens völlig abweichenden 
Konstruktion geführt. Die römischen Rechenbretter trugen 
nämlich in der Mitte von rechts nach links die Zahlzeichen 
für 1,10,100,1000 usw. Airs jedes dieser Zahlzeichen liefen 
nun zwei Schlitze zu, von oben ein kleinerer, von unten ein 
größerer. In jedem der unteren Schlitze waren 4 oder 5 Stifte 
beweglich, in jedem der oberen einer. Solange diese Stifte 
sich am Rande des Brettes befanden, hatten sie für das 
Nechnen keine Bedeutung. Eine solche erhielten sie erst, 
wenn sie gegen die in der Mitte befindlichen Zahlen ver 
schoben wurden, und dann bedeutete jeder der unteren 
Stifte eine Einheit, und jeder der oberen 5 Einheiten der 
betreffenden Ordnung. 
Es ist klar, daß man mit einem solchen Apparat in 
ganz ähnlicher Weise rechnen kann, wie mit Pfennigen auf 
dem mittelalterlichen Rechenbrett. Abermals anders fori* 
struirte Rechenbretter gehören heute noch in Rußland zu 
den unentbehrlichsten Gerätschaften. 
Wie weit die Kenntniß des Rechnens bei den Griechen 
und Römern in das Volk eingedrungen war, das wissen 
wir nicht genau. Einerseits finden sich bei mehreren alten 
Schriftstellern, z. B. bei Horaz und beim heil. Augustinus 
Stellen, aus denen hervorgeht, daß das Rechnen zur Kaiser- 
zeit einen Bestandtheil des römischen Schulunterrichtes bil 
dete, aber andererseits ist es verdächtig, daß es als etwas 
außerordentliches und besonders rühmenswertes galt, wenn 
jemand gewandt zu rechnen wußte. 
Allzuhoch werden wir die arithmetischen Kenntniffe der 
großen Menge wohl nicht veranschlagen dürfen, zumal da 
die Multiplikation größerer Zahlen und gar die Division 
auch unter Benutzung des Rechenbretts immer eine ver- 
ivickelte Sache bleibt. Um so hervorragender erscheinen die 
rechnerischen Leistungen, die wir von Einzelnen ausgeführt 
finden: 
So hat z. B. Archimedes schon im 3. Jahrhundert 
vor Christi Geburt eine angenäherte Berechnung jener be 
kannten Zahl n ausgeführt, welche das Verhältniß des 
Umfangs eines Kreises zum Durchmesser ausdrückt, und 
als Schlußergebuiß seiner Entwickelungen einen berühmten 
Satz gewonnen, dessen Inhalt wir heute kurz so ansdrücken: 
Die Zahl n ist kleiner als 3 und aber größer als 3 
und Das Schriftchen, welches diesem Gegenstand ge 
widmet ist, führt den Titel „Ausmessung des Kreises". Es 
ist im griechischen Urtext durch mehrere Handschriften über 
liefert, welche in Florenz, Venedig und Paris aufbewahrt 
werden, außerdem auch in lateinischer Uebersetzung durch 
zwei alte Drucke aus den Jahren 1503 und 1543, und 
ist in neuerer Zeit verschiedentlich im Druck herausgegeben, 
und dadurch weiteren Kreisen zugänglich geworden. 
Mit Staunen und Bewunderung sehen wir, in welch 
geschickter Weise Archimedes die Schwierigkeiten der Rech 
nung zu verringern, und es so einzurichten weiß, daß nir 
gends gar zu große Zahlen vorkommen. Trotzdem schwellen 
die Zahlen, mit denen er zu rechnen hat, im Fortgang der 
Untersuchung mehr und mehr an, und gegen Ende der Berechnung 
des oberen Nähernngswerthes hat er beispielsweise 23340« 
mit sich selbst zu multipliziren, sodann 153 ebenfalls mit 
sich selbst zu multipliziren, hierauf die Summe beider Pro 
dukte zu bilden, die sich gleich 5472 1320i« ergibt, und 
endlich für die Quadratwurzel aus dieser Zahl einen 
Näherungswerth zu berechnen, der etwas zu klein sein muß. 
Ein anderes uns erhaltenes Denkmal griechischen Geistes, 
welches ebenfalls von der Gewandtheit einzelner Mathe 
matiker des Altertums im numerischen Nechnen Kunde gibt, 
ist das große astronomische Werk des Ptolemacns inegale 
sjntaxis, bekannter unter dem Bastardnam n Almagest, der 
im Mittelalter durch Zusammenschweißung des arabischen 
Artikels al mit dem griechischen Worte meghtos entstanden 
ist. Dieses Werk tvnrde um das Jahr 150 nach Christo 
verfaßt. Wir finden daselbst unter Anderem eine Sehnen- 
tafel berechnet, d. h. eine Tafel, welche in gewissem Sinne 
mit unseren heutigen logarithmisch-trigonometiischen Tast"» 
vergleichbar ist, und ähnlichen Zwecken diente, tuic* diese 
letzteren. Nach einer Angabe des Theon von Alexandria
	        
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