Full text: Rückblick auf die Geschichte der Rechenkunst

hat schon Hippärch im 2. Jahrhundert vor Christo eine 
solche Sehnentafel berechnet, aber leider ist uns dieselbe 
nicht erhalten geblieben. Die in der Tafel des Ptoleinaeus 
mitgetheilten Zahlen sind, wenn sie in modernen Decimal- 
örüchen ansgedrückt weisen, bis auf irngefähr 5 Decimal 
stellen genau. Man kann daher bei trigonometrischen Be 
rechnungen mit dieser alten Tafel fast dieselbe.schärfe er 
reichen, wie mit denjenigen 5stelligen Logarithmentafeln, die 
heute so viel im Gebrauch und in unseren Schulen ganz 
allgemein eingeführt sind. 
Der Umfang der Tafel ist allerdings im Vergleich zu 
unsern modernen Tafelwerken ein sehr bescheidener. Auf 
4 Druckseitelk in OktawFormat würde sich ihr ganzer In 
halt bequem wiedergeben lassen. Gleichwohl ist die Sehnen- 
tdfel des Almagest als der Niederschlag und das Ergebniß 
einer ganz gewaltigen Rechenarbeit anzusehen. 
Diesen glänzenden Leistungen der Griechen haben die 
Römer nichts Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Von 
einem theoretischen Interesse an der Mathematik, oder einer 
Weiterentwickelung mathematischer Gedanken und Methoden 
finden wir bei ihnen keine Spur. Einen wirklich bedeutenden 
Mathematiker hat es in Rom nie gegeben. Es ist, als ob 
die vorwiegend juristische Begabung des römischen Volkes 
d«l Sinn für mathematisches Denken völlig ertödtet hätte. 
Der einzige Zw:ig der Mathematik, welcher in Rom ge 
pflegt wurde — aber auch erst seit Caesar und Angustus 
— war die Feldmeßkunst. Wie es damit beschaffen war, 
sehen wir aus einer Sammlung von Schriften römischer 
f eldmesser, die unter dem Namen der agrimensorischen 
andecten auf uns gekommen sind. Ueber dieses Werk ur 
theilt der um die Geschichte der Mathematik so hochverdiente 
Hermann Hankel folgendermaßen: „Es läßt sich schwer sa 
gen, ob die Rohheit der Darstellung, oder die Dürftigkeit 
und Fehlerhaftigkeit des Inhalts den Leser mehr abschreckt. 
Die Darstellung ist unter aller Kritik; . . . von Defini 
tionen der Gruudbegriffe, oder einem Beweise der mit 
geteilten Vorschriften keine Rede Der Totaleindruck 
ist der, als ob die römische Gromatik Tausende von Jahren 
älter als die griechische Geometrie sei, und zwischen beiden 
eine Sündfluth liegen müsse." 
S 
00 
CD 
/Wückökick auf die Kcfchichie der 
/ Nechenkmnst. 
(Vortrag des Herrn Prof. Dr. von Mangoldt 
her der KarssrsgshnrLsLagsfeier der Körrigl. Technischen 
Hochschule hier«) 
(Schluß.) 
Die Stürme der Völkerwanderung bewirkten ein ' ich 
tieferes Sinken der lnarhematischen Bildung. In der ganzen 
Zeit vom Untergang -13 weströmischen Reiches bis gegen 
das Jahr 1000 können tvir uns die mathematischen Kennt 
nisse des christlichen Abendlandes gar nicht dürftig genug 
vorstellen. Als ein wahres Glück ist es anzusehen, daß 
das Concil zu Nicaea die Feier des Osterfestes ans den 
ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühlings- 
Tag- und Nachtgleiche festgesetzt, und durch diese verwickelte 
Bestimmung die Nothwendigkeit hervorgerufen hatte, Jahr- 
für Jahr das Datum jenes Vollmondes und des Osterfestes 
besonders zu berechnen. So hatte die Kirche einen Anlaß 
darauf zu dringen, daß in jedem Kloster wenigstens eine 
Person vorhanden wäre, die es verstünde, die Ordnung der 
kirchlichen Feste und den Kalender für das laufende Jahr 
festzustellen. So kam Karl der Große dazu, in einer 
im Jahre 789 ans Aachen datirten Verordnung, unter 
den Gegenständen, die in allen Klosterschulen gelehrt werden 
sollten, ausdrücklich den sogenannten Compntns, d. h. die 
kirchliche Zeitrechnung, zu erwähnen, und so blieb der 
Arithmetik in der kirchlichen Erziehung des Mittelalters 
immer ein bescheidenes Plätzchen gesichert. Dürftig genug 
allerdings mag der Unterricht im Rechnen gewesen sein; 
ist es doch wahrscheinlich, daß in den meisten Schulen 
nicht einmal das Einmaleins auswendig gelernt wurde. 
Erst durch den Mönch Gerbert, der'später unter dem 
Namen Sylvester II. den päpstlichen Thron bestieg, wnrac 
eine Wendung zum Besseren herbeigeführt. Von ungefähr 
972 an war Gerbert eine längere Reihe von Jahren 
hindurch an der Klosterschule zu Rheims als Lehrer 
thätig. Dort hat er, wie einer seiner Schüler berichtet, 
gerade auf den Nechennnterricht besondere Mühe verwendet. 
Auch in feinem späteren sehr bewegten Leben hat er bei 
allen Wechselfällen des Schicksals Zeit gefunden, sich ma- 
thematischen Studien zu widmen, und sogar eine Reihe von 
Briefen und Schriften mathematischen Inhalts zu verfassen. 
Auf ihn ist, wenn nicht die Erfindung, so doch die 
Verbreitung einer gänzlich neuen Art des Rechnens zurück 
zuführen, die sich Jahrhunderte lang erhalten hat, näinnch 
der Rechnung mit sog. Apices in Colnmiieii. Auch bei dir.' x 
neuen Methode bediente man sich eines Abacns oder Rechen 
bretts. Dieser Abacns war ebenso wie das vorhin beschrie 
bene Rechenbrett durch parallele Linien abgetheilt, aber nicht 
in horizontale Streifen, sondern in vertical von oben nach 
unten verlautenden Columnen. Von diesen Columnen diente 
die am weitesten rechts befindliche zur Darstellung der 
Einer, die links daneben liegende zur Darstellung der 
Zehner u. s. f. Aber die vorkommenden Zahlen wurden 
nicht etwa mit Rechenpfennigen aufgelegt, sondern durch 
9 verschiedene eigenthümlich gestaltete Zeichen 
für die Zahlen 1—9 dargestellt. Diese Zeichen 
hießen Apices. Sie waren anders geformt als alle Buch 
staben des Alphabels, und wurden entweder schriftlich in 
die Columnen des Abacns eingetragen, oder sie stau' 
in Horn, oder sonst einem Material nachgebildet, in g; ir 
gend er Menge zur Verfügung, und tvnrden beim Rechnen in 
die Columnen eingelegt. Durch Gerbcrts Ansehen erlangte 
diese Art des Rechnens in den Klöstern Deutschlands md 
Frankreichs eine weite Verbreitung. 
Damit lvar ein wichtiger Schritt vorwärts gethan, und 
eine erhebliche Annäherung an die moderne Art des Rech- 
tlens erreicht. Denn in den Apices haben wir Ziffern vor 
uns, die durch die Columnen des Abacns Stellenwert er 
hielten. Nur die Null fehlte noch, und wurde eben durch 
den schwerfälligen Abacns mit seinen Columnen vertreten. 
Es leuchtet ein, daß man ans einem solchen Abacns 
alle vier Species ebenso ausführen kann, wie wir es 
heute ohne Columnen, aber mit Anwendung der Null 
thun. In der That waren die Regeln der alten 
Abacisten für die Addition, Subtraktion und Multiplika 
tion nicht wesentlich von den unsrigen verschieden. Nur 
bei der Division bestanden größere Unterschiede. Um be 
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greiflich zu machen, wie es überhaupt möglich war, hierbei 
anders zu verfahren, als wir es gewohnt sind, will ich 
nur eine der Regeln, welche in einem von Gerbert selbst 
verfaßten Büchlein über die Division der Zahlen ansge- 
stell werden, an einem einfachen Beispiel erläutern: 
Sei 257 durch 6 zu dividiren. Dann wird zunächst der 
Divisor 6 durch Hinzufngung von 4 Einheiten zu einem 
vollen Zehner ergänzt, und der Dividendus 257 wird in 
einen Hauptbestaildtheil 200 und einen Nebenbestandtheil 
* 57 zerlegt. Nun wird als erster Schritt der Division 200 
durch 10 getheilt, was 20 als ersten Posten des Quo 
tienten ergibt. Nun sollte ja aber nicht 200 durch 10, 
! svndern 257 durch 6 dividirt werden. Mari hat also ge- 
! wissermaßen Fehler gemacht, und um diese wieder anszn- 
gleichen. werden jetzt 4. 20 — 80 zu dem bisher außer 
acht gelasicnen Nebenbestandtheil 57 des ursprünglichen 
Dividendus hinzugefügt. Das gibt 137, und jetzt geht es 
in genau derselben Weise weiter: 137 — 100 + 37; 100 
durch 10 gibt 10 als 2. Posten des Quotieirten usw. So 
fortfahrend erhält man nach und nach nicht weniger als 6 
einzelne Posten, durch deren Addition schließlich der ge 
suchte Quotient entsteht. 
Einfache Ueberlegnngen zeigen, daß man aus diesem 
Wege in der That schließlich den richtigen Quotienten er 
hält, zwar langsam aber sicher, und was diese Methode vor 
der nnsrigen voraus hat, ohne jedes Probiren. 
Nun bedenke man, daß Gerbert in dem erwähnten 
Schriftchen nicht weniger als 9 verschiedene Fälle unter 
scheidet und dabei 3 wesentlich verschiedene Methoden der 
Division entwickelt, die aber alle gleich umständlich sind; 
man bedenke ferner, daß alle diese Regeln kurz und nnbe- 
hnlflich und ohne jede Erläuterung vorgetragen werdeir, 
dann wird mau cs begreiflich finden, daß einer seiner 
Schüler nicht müde wird, hervorzuheben, wie viel Schweiß 
die Mathematik gekostet habe, daß ungezählte Schriften 
über die Division entstehen konnten, ehe unser heutiges 
Verfahren allgemein in Ausnahme kain, und daß es in 
Italien zu einem Sprichwort wurde „dura cosa e la 
partita." 
Bis tief in das 12. Jahrhundert hinein hat sich der 
schwerfällige Abacns erhalten. Erst dann wird er durch 
den Gebrauch der Null abgelöst. 
Wer die Null erfunden, oder zuerst angewendet hat, 
ob sie überhaupt als die geniale Erfindung eines Einzel 
nen, oder als das Endergebniß einer allmählichen Ent 
wickelung entstanden ist, das wissen tvir nicht. Sicher ist 
nur, daß sie ans Indien durch Vermittelung der Araber 
zu uns gelangte. Die bis jetzt bekannt gewordenen Werke 
der Sanskrit-Litteratur gestatten uns, die Anwendung der 
Null 'n J"di"n bis etwa 400 Christo zurück zu ver 
folgen. Daß sie schon erheblich anher in Gebrauch gewesen 
sein sollte, ist unwahrscheinlich. 
Aus Indien gelangte das Rechnen mit der Null zu 
nächst nach Bagdad, wo die Wissenschaften unter der Dy- 
imftie der Massiven mit dem größten Eifer gepflegt wur 
den. Unter dem Chalis Almümnn, der 813—833 re 
gierte, verfaßte ein gewisser Mshammed ben Musa Al- 
charismi, d. h. ans Charism, dem heutigen Chiwa, ein 
Lehrbuch der indischeil Rechenkunst, welches bei den Arabern 
lange Zeit in hohem Ansehen verblieben ist. Aus dieser 
Quelle, die vielleicht anfangs wch durch direkte Zuflüsse 
aus Indien verstärkt wurde, gingen dann eine große Reihe 
von Schriften über den gleichen Gegenstand hervor, welche 
die Kenntniß des indischen Rechnens in allen Theilen des 
weiten arabischen Reiches bis nach Spanien hin ver 
breiteten. 
Von der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts an fand 
dann die indische Arithmetik auch im christlichen Abendland 
Eingang, zuerst in Klöstern und Schulen durch lateinische 
Uebersetzungen und Bearbeitungen arabischer Schriften, und 
dann ins praktische Leben durch den regen Handelsverkehr 
mit den arabisch gewordenen Küstenländern des Mittel- 
meeres, und das damals in Italien neu entstehende Bank 
wesen. Aber nur langsam und schrittweise drang die 
neue Kenntniß vor, und mannigfaltig warelt die 
Hindernisie, die sie zu überwinden hatte. Eine nicht 
zu unterschätzende Schwierigkeit bestand zunächst darin, 
daß das indische Rechiren wenigstens einige Kenntniß 
des Schreibens voraussetzte. Dadurch blieb es lange Zeit 
auf die Kreise der Gelehrten und des besseren Handels- 
staitdes beschränkt. Gerade im Jank- und Geschüftswesen, 
wo sich die Unbeholsenheit der allen Rechnungsarten mit 
fortschreitender Eritwickelnug immer empfindlicher geltend 
machen mußte, trat aber noch eir weiteres Hinderniß hinzu, 
nämlich das Vorurteil, daß Angeben in arabischen Ziffern 
nachträglich leichter gefälscht werden könnten, als solche in 
römischen Zeichen. Aus diesem Grunde wird im Jahre 
1299 den Florentii'^- .-verboten, in ihren Büchern 
arabische Ziffern anzuwenden. ^ ' Arrch in anderen italieni 
schen Städten scheinen Zahlen, die in arabischen Ziffern 
geschrieben waren, keine gerichtliche Beweiskraft besessen zu 
haben. Denn in den zahlreich erhaltenen Geschäftsbüchern 
des 14. Jahrhunderts finden sich durchweg römische Zeichen 
angewendet. Erst in be» letzten Jahrzehnten des 14. und 
im Ansang des 15. Jahrhunderts dringen die arabischen 
Ziffern vor, aber zuerst nur schnchtcrn und vereinzelt. In 
den ältesten Geschäftsbüchern, in denen sich die neuen Ziffern 
vorffnden, sind nur die Seitenzahlen, oder die Beträge der 
letzten für die kleinste Münzeinheit bestimmten Columne in 
arabischen Ziffern geschrieben. Bei den Pfennigen war 
man offenbar in Bezug aus nachirägliche Fälschungen nicht 
so ängstlich. In anderen Büchern werden die Summen der 
einzelnen Seilen und die Saldi seitwärts mit arabischen 
Ziffern angedeutet, oder überrechnet, und in einem Buche 
finden sich sogar zwei Geldrnbrikcn, eine innere in arabi 
schen Ziffern zum eigenen Gebrauch, und eine äußere mit 
denselben Beträgen in römischen Zeichen für die Hüter des 
Gesetzes. 
Ganz dieselben Erscheinungen wiederholen sich in 
Deutschland. In den Rechenbüchern des Frankfurter Rates 
erscheinen 1494 mitten zwischen römischen Zeichen die ersten 
arabischen Ziffern. Aber wenige Wochen daraus wird den 
Rechenmeistern durch einen Ratsbeschlnß die Benutzung 
der letzteren verboten. Erst 1546 kehren die arabischen 
*) Vgl. A. Na gl, Ueber eine Algorismusschrift des XII. 
Jahrhunderts und über die Verbreitung der indisch-arabischen 
Rechenkunst und Zahlzeichen im christl. Abendlande, Zeitschrift 
für Mathematik und Physik, hist. lit. Abteilung, 34. Jahrg. 1889. 
Ziffern wieder, um dann allmählich die römischen ganz zu 
verdrängen. 
Etwa von der Mitte des 16. Jahrhunderts an fand 
die neue Art der Zahlbezeichnnng in Schrift und Druck 
allgemeine Verwendung. 
Ebenso spät haben sich unsere heutigen Methoden des 
Rechnens eingebürgert. Ter Italiener Lnca Pacioli führt 
in seiner 1494 geschriebenen summa de aritmetica usw. 
nicht weniger als 8 verschiedene Methoden der Multipli 
kation auf, von denen eine besonders leichtverständliche auf 
der Tafel 2 an dem Beispiel 987 .456 dargestellt ist. 
T-rfe! 2. 
IW— y 
9 8 7 
Nachdem die beiden gegebenen Zahlen 987 und 456 in der 
durch die Figur veranschaulichten Weise oben und rechts an 
die Seiten eines Rechtecks angeschrieben sind, werden die 
einzelnen Felder dieses Rechtecks durch die Prodncte der 
jenigen Ziffern ausgefüllt, die mit ihnen in gleicher Zeile 
und Colonne stehen. In das oberste Feld links kommt also 
4.9 — 36, in das Feld rechts daneben 4.8 — 32 «. s. f. 
Dabei werden immer die Zehner links oben, die Einer 
rechts unten ausgeschrieben. Durch Addition der schräg von 
rechts oben nach links unten auf einander folgenden Ziffern 
ergibt sich dann das Product 450072, welches um die 
Ecke geschrieben links und unten am Rande erscheint. 
Auch in den deutschen Rechenbüchern des 16. Jahr 
hunderts werden noch verschiedene Methoden der Mnlti- 
plication erwähnt, und erst im weiteren Verlaus d^Z Jahr 
hunderts macht die Mannigfaltigkeit einer größeren Ein 
förmigkeit Platz. Unsere heutige Methode der Division hat 
sogar erst im Ansang des gegenwärtigen Jahrhunderts die 
älteren weniger bequemen Methoden völlig verdrängt. 
Viel langsamer noch, als das indische Rechnen selbst, 
hat sich die Einsicht Bahn gebrochen, daß man die Kenntniß 
desselben von Jedermann verlangen könne und müsse. 
Bücher zur Ausbreitung der neuen Methoden sind aller 
dings im 17. und 18. Jahrhundert in mehr als genügen 
der Menge verfaßt worden, darunter auch solche, die sich 
an ganz spezielle Kreise wendeten z. B. 1612, „Plenaria 
aritmetica usw. neben angehängter Konferirung und Ver 
gleichung des Frucht- und Weinmasses usw., allen Wein- 
Händlern und Zäpsern nütz und dienlich", oder 1725, 
„Rechenbüchlein vor Weibesbilder auf ganz besondere und 
neue Art kurz zu rechnen" von Theodor Eusebius Bertram. 
Aber die Schulen haben den drängenden Ansorserun- 
gen des praktischen Lebens nur langsam imb zögernd nach 
gegeben. Im Zeitalter der Reformation war man vielfach 
der Ansicht, das indische Rechnen sei für Knaben zu schwer 
und gehöre gar nicht in die Mittelschule, sondern ans die 
Universität, wo damals in der That Vorlesungen darüber 
gehalten wurden. In den Gymnasien war keineswegs 
überall arithmetischer Unterricht'eingeführt, und wo er sich 
in den Lehrplan ausgenommen zeigt, tritt er erst in bm 
Obertassen aus. Daß auch da die Anforderungen nicht zu 
hoch gespannt wurden, beweist eine Vorschrift, welche noch 
lange nachher am Karlsruher Gymnasium in Kraft bestand, 
nämlich es solle in der Klasse, welche unserer heutigen 
Obersecnuda entspricht, „ein gutes Ingenium die Regel- 
detri erlernen können". 
Hochansehnliche Versammlung! Es ist ein Stück Cnl- 
turgeschichte, welches sich vor unsern Augen entrollt, wenn 
wir dem Ursprung und der Entwickelung unseres heutigen 
Rechnens nachgehen. Wir sind vorwärts gekommen, und 
Regeldetri wird heutzutage auch vom schlechtesten Ingenium 
verlangt, und nicht erst in Obersecnnda. Aber Jahrhun 
derte hat es gedauert, bis das Zweckmäßige und Vollkom 
mene das Althergebrachte überwand. Ans dem eng be 
grenzten Gebiet des numerischen Rechnens bat die Entwicke 
lung einen gewissen Abschluß erreicht. Aber ans andern 
Gebieten der menschlichen Cultur stehen auch wir noch mit 
ten im Wechsel der Zeit. Auch wir haben alle Kräfte an 
zuspannen, wenn wir fortschreiten wollen in Cultur und 
Gesittung, denn 
„Das Gute, das Wahre führt ewig Streit, 
Nie wird der Feind ihm erliegen". 
Vielleicht werden spätere Jahrhunderte auf das unsrige 
mit den gleichen Gefühlen zurückblicken, wie wir ans die 
vergangenen, und es kaum begreiflich finden, daß so manche 
alte Einrichtung und Gewohnheit zäh sich behaupten konnte, 
während Besseres, an ihre Stelle zu setzendes schon klar er 
kennbar zu Tage trat. 
Doch so verlockend es sein mag, diesem Gedanken nach 
zuhängen, hier ist nicht der Ort dazu. Fern sei es von 
mir, ans Tagesfragen einzugehen, rnrd in den Streit der 
einander noch bekämpferrden Ansichten und Meinungen ein 
greifen zu wollen. Heute soll nur das zu Worte kommen, 
was uns Alle eint: Die Liebe zu unserm Vaterland! 
Ja, wir haben ein Vaterland, in welchem alle Kräfte, 
die in ehrlichem, uneigennützigem Streben ans das Wohl 
des Ganzen gerichtet sind, frei sich entfalten können, und 
wir haben einen Kaiser, dem das Gedeihen und der Fort 
schritt seines Volkes am Herzen liegen! Des dürfen wir 
uns freuen, und diesem Bewußtsein bitte ich Sie Ansdruck 
zu geben, indem Sie mit mir einstimmen in den Ruf: 
Seine Majestät, unser allerguädigster Kaiser 
und König Wilhelm !§., er lebe hoch!
	        
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