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das mutz man gestehen, an unvermeidlichen Mängeln, in unserm
Beispiele namentlich daran, datz die beiden Beobachter gar nicht oder
doch nur einen einzigen Augenblick lang in den Spiegel des andern
hineinschauen können. Und in noch höherem Matze gilt das von den
zahlreichen „Modellen", die man mit Hilfe von Maßstäben, Uhren
und Bewegungsmechanismen ausgeführt hat, und die die Relativität
der Strecken, der Zeitpunkte und der Zeitdauern anschaulich machen
sollen. §ür den nachdenklichen Leser sind sie aber auch durchaus
entbehrlich; denn er wird das Ergebnis, auf das es ankommt, grund
sätzlich erfaßt haben; und er wird an der Hand der exakten Betrachtung,
die wir nunmehr anstellen wollen, das, was ihm an Sicherheit und
Rlarheit der Vorstellung noch fehlt, ergänzen können; Betrachtungen,
die wir naturgemäß in das mathematische Gewand kleiden müssen,
aber in ein so schlichtes und durchsichtiges, datz es dem Leser, auch
dem weniger vorgebildeten, möglich sein wird, mindestens eine
allgemeine Vorstellung vom Sinn des Unternehmens zu gewinnen.
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Oie im mechanischen Teile unserer Betrachtungen aufgestellte
Galilei-Transformation, die den Übergang von einem Spsten 8 zu
einem andern, gegen jenes mit der Geschwindigkeit v gradlinig
gleichförmig bewegtes Sgstein 8' bewerkstelligt, lautet, wenn man
die uns nicht besonders interessierenden y* und 2-Roordinaten weg
läßt: x' = x — vt und t' — t. Vas charakteristische dieser Trans
formation ist, datz sich der Grt ändert, die Zeit aber ungeändert
bleibt; der Grt wird durch sie relativiert, die Zeit aber behält ihren
absoluten Charakter. Nach unseren, mit Rücksicht auf die ätherischen
Erscheinungen veränderten Anschauungen hat das offenbar keine
Berechtigung mehr, weil doch Grt ohne Zeit und Zeit ohne Grt gar
nicht existieren. Mitgefangen, mitgehangen, heißt es, wie im Sprich
wort, so auch hier, und es kommt nur darauf an, das Strafmaß, das
wir jedem der beiden Delinquenten zudiktieren, gerecht zu bemessen.
Gerechtigkeit aber heißt hier, wie im menschlichen Leben: den Ge-