Full text: Neuere Postbauten in Bayern (1. Heft)

    
schäftigte. Deren inneren Sinn zu verstehen, nicht durch äußeren Anschein 
sich irr machen zu lassen, darauf wird es auch für die Kunst der Gegenwart 
ankommen — aus keinem anderen Gesetz arbeitete die alte Kunst, da wo sie 
groß und ganz ist. Nicht zu übertönen mit großstädtischen Ausdrucksformen 
und noch weniger mit angenommenem Dialekt sentimentalisch zu erscheinen, 
m.a. W. Mut und Takt zur eigenen Form aus künstlerischem, nicht litera- 
rischem Impuls. 
Auf der anderen Seite — die Aufgabe ist da nur scheinbar leichter, wo 
Fremdenverkehrskultur des 19. Jahrhunderts ihren zweifelhaften Bausegen mit 
Hotel und Gastkaserne in Villenstil ausschüttete, wo — wie stellenweise in 
Berchtesgaden, Murnau oder Tegernsee — erst der mögliche Boden durch 
Platzbild, Siedelungslage usw. zu schaffen war. Gerade da sehe ich im vollsten 
Sinne des Wortes einen Anfang, ein Bekenntnis zur Sachlichkeit, das durch 
sich selbst wirkt, eben weil es nicht allein von Altem zehrt, und dem die 
Zukunft gehört. | 
Was mich endlich auf verschiedenen meiner Wanderungen immer wieder 
gefreut hat — so daß ich es nicht verschweigen möchte — ist die Gewissen- 
haftigkeit gegenüber der handwerklichen Einzelform an Bau und Einrichtung. 
Das scheint wohl verständlich — jedem, der nicht baute und darum nicht 
erfuhr, wie viel Geduld daran hängt, um vom Landhandwerker Wertarbeit 
zu erzielen. Nicht zu dessen Nachteil ist das zu sagen; jeder leistet, was von 
ihm verlangt wird. Es lebt in unserem Land auch heute gutes Handwerk genug 
— um für Großstädte zu arbeiten. Dem Handwerk draußen im Land wieder 
Boden zu schaffen — und Beispiele erwecken auch heute noch Lust und Mut 
zur Nachfolge, wie die Wirklichkeit erweist — ist nicht das Letzte, dessen 
ich bei den Postneubauten gedenken möchte. Denn Liebe zum Kleinen und 
Einzelnen einer Durchbildung zeugt von Hingabe und Wärme: neben dem 
Zweckgemäßen der Diensträume blieb in diesen Neubauten immer noch Platz 
für ein beneidenswert behagliches Wohnen. 
Der Sinn modernen Lebens drängt heute vielleicht mehr wie vor Jahr- 
zehnten zu Ausgleich innerhalb seiner verschiedenen’ Schichtung. Aufgabe 
architektonischer Gestaltung war es immer, ihrer Zeit reiner Ausdruck zu 
sein. Denn das ist doch schließlich das Köstlichste des künstlerischen Schaffens, 
daß es — wie hier — ganz seiner Zeit lebt und ihr mit Freuden dient. 
HANS KARLINGER 
    
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   
   
	        
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