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17. GESCHICHTSSCHREIBUNG
Die Geschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts steht
im Zeichen der Aufklärung. Sie willnicht eine bloße Wieder-
gabe der Geschehnisse sein, sie will die Handlungen ver-
nunftgemäß erklären aus seelisch-innerlichen und kultur-
lich äußeren Ursachen. Und sie will im Ablauf der Ge-
schichte eine Richtung erkennen: die Entwicklung aus
Barbarei zur Zivilisation. Der Historiker traut sich das
Herausarbeiten dieser Gesichtspunkte zu, weil er den Stoff
nicht in solcher Fülle vor sich sieht, daß er nach Jahren
des Versuchens erschöpft zurücksinken müßte. Im Feld
der Endlichkeit erscheinen ihm die Dinge sofort in Über-
blick und Ordnung. Während Bischof White Kennett —
der Verfasser des dritten Bandes der Compleat History
of England, 1706 — und der Vielschreiber John Old-
mixon (1673-1742) immer nur Parteigänger und halbwegs
Chronisten sind, treten neben zahllosen unselbständigen
Historienschreibern (wie etwa Smollett und Goldsmith)
drei selbständige große Gestalten auf: Hume, Robertson,
Sibbon. Alle drei sind Aufklärer, Hume und Gibbon
Skeptiker, Robertson aufklärerischer Gefühlsmensch. Alle
drei lösen ihre Geschichtsschau in der Durchdenkung auf.
Dadurch entfernen sie sich vom Konkreten und finden
im abstrakten Ausdruck ein taugliches Mittel zu gedräng- 195. Edward Gibbon.
ter Darstellung. Voltaire, der von Lockes Psychologie ge- Gemälde von Henry Walton. London,
lernt hatte, war den Engländern als Darsteller eines gan- National Portrait Gallery.
zen Zeitalters, das er als ein fortlaufendes Feld sich durch-
wirkender geistiger Kräfte sah, vorangegangen, und Montesquieu hatte ihnen — in seinem Esprit des Lois
— dieses Feld in seiner Allgemeingeltung gezeigt. Aber die Engländer hatten nicht den Mut zur folge-
richtigen Durchführung ihres, von den Franzosen beeinflußten naturwissenschaftlichen Programms.
Über Ansätze zur Umgebungs-, d. h. Kulturgeschichte kamen sie nicht hinaus, und die voran leuchtende
Feuersäule des geschichtlichen Sinnes erlosch ihnen, so daß sie immer wieder in die Porträtierung geschicht-
licher Gestalten zurückfielen. Gestalt, Beurteilung, Hintergrund. Diese drei! Aber der letztere oft be-
ziehungsschwach, wie eine 'Theaterkulisse rasch herangeschoben! Für den Schrifttumsforscher bleibt
wesentlich, daß unter diesen drei Großen einer war, der das Durchdachte in die klassizistische Formrichtung
rückte und es so zum tönenden Gebäude einer klassizistischen Prosa werden ließ: Gibbon.
David Hume (1771-76) brachte zur Bewältigung seiner großen Aufgabe — der heute vergessenen,
zu seiner Zeit als Meisterwerk geltenden History of England from the Invasion of Julius Caesar to the
Revolution in 1688, London 1778 — die damals mögliche Beherrschung des Stoffes, den ernsten Willen
zur Sachlichkeit und eine eindringliche Klugheit mit, die ihn die Geheimgänge des menschlichen Denkens
und die Motive menschlichen Handelns erkennen ließ — das letztere eine Eigenschaft, die ihm bei seinem
damals kaum beachteten, heute zu den Marksteinen philosophischen Denkens gerechneten Treatise of
Human Understanding, 1739-40 (s. oben S. 208) so wunderbar zustatten kam. Aber zwei Hindernisse
standen Hume im Wege. Seine Sachlichkeit fand ihre Grenzen in seiner Skepsis gegenüber allen Erschei-
nungen und Freignissen, die sich den Verstandesbegründungen dieses rechnenden Schotten entzogen.
Das Mittelalter war deshalb für ihn keine Weltgeschichte schaffende Zeit, und andere Religionen als der
liberale Anglikanismus erschienen ihnı als Sammelbecken sinnlosen Aberglaubens. Dadurch wurde ihm
zweierlei abgeschnitten: der Blick auf die abliegenden Seitenpfade des geschichtlichen Gesamtlebens eines
Volkes und die Erkenntnis ihrer dunkeln Beziehungen zu den Geschehnissen, deren Beurteilung für ihn so
wichtig war. Seine Hauptschwäche aber: er glaubte das Leben, das wir Geschichte nennen, mit derselben
ironisch trockenen Sicherheit verfolgen und zerlegen zu können wie die Flächen des menschlichen Ver-
standes in seinem Traktat. Deshalb ist seine englische Geschichte eher eine Sammlung klarer Tatsachen
in bezug auf Menschen und Geschehen mit daran anschließenden klugen Besprechungen und Beurteilungen