(m
MI T
4 Persónliche Erinnerungen aus alten Zeiten
Daten heraussuchte, auBerdem verrechnete er sich bestündig an der
Tafel, und wir hatten das Gefühl, daB er sich selber bei diesem
Vortrag mindestens ebenso langweilte wie wir. Die Folge war, daB
die Hôrer nach und nach wegblieben; schlieBlich waren es nur noch
drei, mich und meinen Freund, den spiteren Astronomen Rudolf
Lehmann-Filhes eingerechnet.
Im Gegensatz dazu trug Kirchhoff ein sorgfältig ausgearbei-
tetes Kolleg frei vor, wobei jeder Sag wohlerwogen an seiner rich-
tigen Stelle stand. Kein Wort zu wenig, kein Wort zu viel. Aber
das Ganze wirkte wie auswendig gelernt, trocken und eintónig. Die
Studenten lauschten wie einem Orakel; keiner hütte gewagt. irgend
etwas anzuzweifeln. Infolgedessen lernten wir aber nicht viel dabei, —
denn man lernt nur, indem man sich Fragen stellt.
Die stärksten wissenschaftlichen Anregungen empfing ich in dieser
Zeit durch die Veröffentlichungen von R. Clausius in Bonn, ins-
besondere durch dessen Werk über „Die mechanische Wärmetheorie“.
Manche Punkte in dieser Theorie erschienen mir indessen noch er-
gänzungsbedürftig, vor allem hielt ich es für nötig, die Begründung
des zweiten Hauptsates noch zu vertiefen. Als ich glaubte, durch
meine eigenen Überlegungen auf diesem Gebiet einen Fortschritt
erzielt zu haben, stellte ich meine Ergebnisse zusammen und reichte
die Arbeit in München, wohin ich inzwischen zurückgekehrt war, als
Doktordissertation* ein. Die mündliche Doktorprüfung fand am 28. 6.
1979 statt. Der damalige Vorsitzende der Prüfungskommission war
Ludwig Seidel; geprüft wurde ich in den Füchern Physik (von
Jolly), Mathematik (von Gustav Bauer), Chemie (von A. von
Baeyer) und Philosophie. Jolly richtete an mich sehr leichte
Fragen. Auch die Fragen von Baeyers waren miihelos zu beant-
worten; doch habe ich gerade diese Prüfung in wenig angenehmer
Erinnerung, da er mich ziemlich schnöde behandelte und durchblicken
ließ, daß er die theoretische Physik für ein vollkommen über-
flüssiges Fach hielt. An die mündliche Prüfung schloß sich dann, den
damaligen Bestimmungen entsprechend, die feierliche Promotion an,
in welcher vom Doktoranden einige von ihm aufgestellte Thesen zu
verteidigen waren. Meine Opponenten, mit denen ich natürlich, wie
es üblich war, bereits vorher eine freundschaftliche Vereinbarung
getroffen hatte, waren der Physiker Carl Runge und der Mathe-
matiker Adolf Hurwitz.
Bereits ein Jahr nach der Promotion erfolgte meine Zulassung in
München als Privatdozent. In der Habilitationsschrift, die den Titel
trug: ,Gleichgewicdhtszustánde isotroper Kórper", wurden die allge-
meinen Ergebnisse der Doktordissertation zur Lósung einer Reihe
* Über den zweiten Hauptsag der Wärmetheorie, München (1879).