Full text: Die organischen Nahrungstoffe und ihr Verhalten im Zellstoffwechsel (1. Teil)

Vorlesung I. 
Einleitung. 
Die Physiologie wird allgemein als die Lehre vom Leben be- 
zeichnet. Die Lebenserscheinungen der einzelnen Zellen, bestimmter Organe 
und aus verschiedenen Zellstaaten aufgebauter Organismen sind es, die 
der Physiologe zu erforschen strebt. Er will wissen, weshalb die einzelne 
Zelle ,lebt“, wodurch sie sich von einer toten unterscheidet, welche Funk- 
tionen sie erfüllt, und wie diese in allen einzelnen Teilvorgángen sich ergeben 
und untereinander zusammenhángen usw. Durchblittern wir die vorhan- 
denen Hand- und Lehrbiicher der Physiologie, dann finden wir, je mehr 
die Verfasser bestrebt sind, Vorgänge in Lebewesen zu schildern, die mit 
exakten Methoden analysierbar sind, um so weniger vom Leben selbst. 
Auf Schritt und. Tritt begegnen wir Forschungsmethoden, Arbeitshypo- 
thesen und Vorstellungen, die ohne weiteres die nahen Beziehungen der 
Physiologie zu den exakten Naturwissenschaften klarlegen. Besonders eng 
verknüpft ist die Physiologie in allen ihren Teilen mit den beiden Diszi- 
plinen Physik und Chemie. Jeder Fortschritt auf diesen Gebieten, sei es 
in der Methodik, in den Fragestellungen oder in den Forschungsresultaten, 
spiegelt sich unmittelbar in der physiologischen Forschung wieder. 
Den tiefgehenden Einfluß der erwähnten Nachbargebiete auf die For- 
schung auf dem Gebiete der Physiologie zeigt ohne weiteres die Entwick- 
lungsgeschichte der Physiologie. Es sei unter anderem daran erinnert, 
welch grobe Bedeutung für die physiologische Forschung die Beobachtung 
Galvanis (1190), daf ein mit zwei verschiedenen Metallen in Berührung 
kommender Froschschenkel zuckt, hatte. Die Elektrophysiologie ent- 
wickelte sich von dieser Feststellung und den an sie anschließenden For- 
schungen Voltas aus. Den fundamentalen Forschungen des genialen Phy- 
sikers und Physiologen Helmholtz verdankt die Optik und Akustik ihre 
genauesten Grundlagen. 
Ein mächtiges Fundament der gesamten Physiologie bildet der durch 
Robert Mayer (1842) geführte Beweis, daß die Summe der Energieformen im 
Weltall unveränderlich ist. Rubner verdanken wir den ersten exakten Beweis 
dafür, daß das Gesetz der Erhaltung der Energie auch für den tierischen 
Organismus gilt. Damit ist eine Grundlage geschaffen worden, die uns 
gestattet, die Zellvorgänge vom energetischen Standpunkte aus in exak- 
tester Weise zu verfolgen. Eine Fülle von Fragestellungen aller Art war 
die Folge dieser Erkenntnis. 
Abderhalden, Physiologische Chemie. I. Teil, 5. Aufl. 1 
 
	        
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