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ist, der als 72jähriger Greis das Schaffot besteigen musste, indem
man die Religion als Vorwand zu seiner "Hinrichtung benützte.
„Welches grössere Uebel kann für einen Staat erdacht werden,
als wenn rechtschaffene Männer, weil sie anders‘ denken und nicht
heucheln können, als Gottlose des Landes‘ verwiesen werden?
Was kann, sage ich, verderblicher seyn, als wenn Männer nicht
wegen irgend eines Verbrechens noch wegen einer Schandthat,
sondern weil sie freien Geistes sind, als Feinde behandelt und zum
Tode geführt werden, und wenn der Scheiterhaufen, das Schreck-
bild! der Schlechten, zur‘ schönsten ’Schaubühne wird, um das
höchste Beispiel der Duldung und Tugend zur höchsten Schmach
für die Majestät zur Schau zu stellen? Denn wer sich seiner
Rechtschaffenheit bewusst ist, fürchtet nicht den Tod wie ein Ver-
brecher und fleht nicht um Erlass der Todesstrafe; denn sein Geist
ist‘ ja von keiner Reue über eine schimpfliche That: beklommen,
sondern im Gegentheil hält er es für ehrenvoll und nicht für eine
Strafe, für die gute Sache und ruhmvoll für die Freiheit zu
sterben.“
Man darf wol eine noch nachzitternde persönliche Herzbewe-
gung in den angeführten‘ Worten erkennen.
Aus dem angeführten Berichte von Bayle, und auch aus dem
von Coler entnehmen wir, Spinoza' habe eine Rechtfertigungs-
schrift /Apologia) gegen den Bann eingereicht‘ und die Grundzüge
dieser Schrift seiner theologisch- politischen Abhandlung; einverleibt,
Die an manchen Stellen hervorbrechende Angriffslust und Herbheit
gegen die Juden lässt diess auch aus innern Gründen bestätigen. !
Es ist bereits früher erwähnt, wie Spinoza (Schluss des Kap. 3)
ohne Kundgebung einer Sympathie über die Stellung der Juden in
Spanien und Portugal spricht.? Dass er sich mehr und heftiger
gegen die Autoritäten der jüdischen als der christlichen Theologie
1 Die heftigen und herben Ausdrücke finden sich vielfach; so z. B.
Kap. 1, S. 155, Kap. 9, S. 286. Spinoza gestattet sich hier eine Aus-
drucksweise, die seiner später entwickelten, durchaus massvollen Gelassen-
heit nicht entspricht. Diese Schrift ist eine. polemische Oppositionsschrift
und trägt noch Spuren des Ungestüms persönlicher Erregung.
2 Der Hinweis auf eine Wiederaufrichtung des Reiches bezieht sich
wahrscheinlich auf die grosse Bewegung, die der in der Berberei unter
den Juden auferstandene Messias Sabbathai Zewi (geb. 1625 in Smyrna)
überall hervorgerufen hatte. Am Schluss des 16. Briefes fragt Oldenburg
ausdrücklich über die desfallsige Stimmung der Juden in Amsterdam,
Die Antwort Spinoza’s hierauf scheint verloren gegangen.