474 VT. Deutsche Philosophie. 2, Entwicklung des Idealismus.
Goethe als die gewaltige Persönlichkeit, welche in der ästhetischen Vollkommen-
heit ihrer Lebensführung ebenso wie in den grossen Werken ihrer dichterischen
Thätigkeit diese ideale Höhe der Humanität lebendig darstellte.
In dieser Auffassung des Genius begegnete sich mit Schiller zunächst
Wilhelm von Humboldt‘): er suchte von hier aus das Wesen der grossen
Dichtungen zu verstehen, er fand in der Harmonie der sinnlichen und der sitt-
lichen Natur das Lebensideal des Menschen, und er wendete dies Princip in
seiner für die Sprachwissenschaft grundlegenden Abhandlung?) in der Weise
an, dass er aus der organischen Wechselwirkung beider Elemente das Wesen
der Sprache zu verstehen lehrte.
Zu schärferem Gegensatz gegen den kantischen Rigorismus ging in dem
Shaftesbury’schen Geiste schon Jacobi in seinem auf Goethe’s Persönlichkeit zu-
geschnittenen Roman „Allwill’s Briefsammlung“ vor. Auch das moralische
Genie ist „exemplarisch“: es fügt sich nicht unter hergebrachte Regeln und
Maximen, es lebt sich selbst aus und giebt sich damit auch die Gesetze seiner
Moralität. Diese „sittliche Natur“ ist das Höchste, was es im Umkreise der
Menschheit giebt.
Zu vollem Uebermuth ist diese ethische Genialität in Theorie und Praxis
bei den R omantikern ausgewuchert. Hier entwickelte sie sich als eine ästhe-
tische Aristokratie der Bildung gegen die demokratische Utilität der
Aufklärungsmoral. Das bekannte Schiller’sche Wort von dem Adel in der sitt-
lichen Welt wurde dahin gedeutet, dass der Philister mit seiner nach allgemeinen
Grundsätzen geregelten Arbeit seine zweckbestimmte Thätigkeit zu leisten habe,
während der geniale Mensch, frei von aller äusseren Bestimmung durch Absichten
und Regeln in dem interesselosen Spiel seiner bewegten Innerlichkeit, in der Aus-
gestaltung seiner ewig bildsamen Phantasie nur seine bedeutende Individualität
als etwas in sich Werthvolles auslebt. In dieser genialen Moral soll deshalb auch
die Sinnlichkeit (in der engsten Bedeutung des Worts) zu ihrem vollen un-
verkümmerten Rechte kommen und durch ästhetische Steigerung den feinsten
Regungen der Innerlichkeit ebenbürtig werden, — ein sublimer Gedanke, der
nicht hinderte, dass seine Ausführung in Schlegel’s Lucinde auf geistreich raffinirte
Gemeinheit hinauslief.
Zu der Reinheit Schiller’scher Gesinnung wurde die romantische Moral durch
Schleiermacher’s*®) Ethik zurückgeführt. Sie ist der vollendete Ausdruck des
Lebensideals jener grossen Zeit. Auf die Einheit von Vernunft und Natur scheint
ihr alles ethische Handeln gerichtet: danach bestimmt sich im Allgemeinen das
Sittengesetz, welches kein anderes sein kann als das natürliche Lebensgesetz der
Vernunft, danach auch im Einzelnen die Aufgabe jedes Individuums, welches in
besonderer, nur ihm eigener Weise jene Einheit zum Ausdruck bringen soll. In
der systematischen Ausführung dieses Gedankens unterscheidet Schleiermacher
(nach dem organischen und dem intellectuellen Factor der Intelligenz, vgl. 841, 6)
die organisirende und die symbolisirende Thätigkeit, je nachdem ob die Einheit
von Natur und Vernunft erstrebt oder vorausgesetzt wird, und so ergeben sich
1) Geb. 1767, gest. 1835. Ges. Werke 7 Bde., Berlin 1841 £f. Vgl. ausser dem Brief-
wechsel, namentlich mit Schiller, hauptsächlich die „Aesthetischen Versuche“ (Braunschweig
1799). Dazu Rup. Hayw, W. v. H. (Berlin 1856). — 2) Ueber die Kawi-Sprache, Berlin 1836. —
3) Vgl. auch SCHLEIERMACHER’s „Vertraute Briefe über die Luecinde“ (1800):