Full text: Einleitung in die Philosophie

Mythologische Erklärung. 27 
verfolgt es, neben der Vervollständigung unserer Kenntnisse 
im einzelnen, stets das Ziel, Zusammenhang zwischen den 
zunächst getrennt vorgefundenen Tatsachen herzustellen, das 
Mannigfaltige unter einheitliche Gesichtspunkte zu ordnen und 
auf diese Weise eben jenen Gewinn an Klarheit und Ein- 
fachheit in unser Erkennen zu bringen, den wir meinen, wo 
wir von Erklärung der Tatsachen sprechen. 
Ich will den Mechanismus der Beruhigung des Erkenntnis- 
triebes, der soeben in seinen Hauptzügen skizzierb wurde, an 
Beispielen verdeutlichen. Ich wähle zwei Beispiele, die zugleich 
die Unterschiede zweier fundamentalen Typen von Erklärungen 
erkennen lassen, 
a) Mythologische Erklärung. 
Wenn der Mensch in einem kindlichen Stadium des Denkens 
_— nicht etwa bloß im Naturzustande, sondern noch auf einer 
relativ hohen Kulturstufe — Donner und Blitz als Äuße- 
rungen des Zornes oder der Macht eines höheren, stets aber 
menschenähnlich gedachten Wesens auslegt*), so ist für ihn 
mit dieser Auslegung eine Erklärung jener auffälligen Natur- 
erscheinungen gegeben. Wodurch ist die intellectuelle Be- 
ruhigung bedingt, die den Wert solcher Erklärung ausmacht? 
Inwiefern werden durch diese Auslegung die genannten Kr- 
scheinungen zu etwas minder Auffälligem, minder Unbekanntem, 
minder Beunruhigendem ? 
Die Antwort kann nicht schwer fallen. Indem durch jene 
Deutung die zuvor völlig fremden Erscheinungen unter den uns 
so wohlbekannten und geläufigen Begriff von Willensäußerungen 
eines persönlichen, uns ähnlich gedachten Wesens gebracht 
werden, sind sie alsbald minder fremdartig als zuvor — sind 
sie unter einen Gesichtspunkt gebracht, von dem ‚aus sie nicht 
mehr als rütselhaft, sondern. als verständlich und bekannt er- 
scheinen. 
1) Daß die Ausführungen des Textes keinerlei Vermutung über die 
Entstehung mythologischer Vorstellungen zum Ausdruck bringen 
sollen, sei zur Abwehr aufgetretener Mißverständnisse ausdrücklich er- 
wähnt.
	        
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