_ Einleitung.
hat gleiches Recht, und unser heutiges Leben ist ebensowenig
denkbar ohne die spekulative Arbeit der Scholastiker wie der
Aufklärungslehrer des achtzehnten Jahrhunderts.
Wer seine Wissenschaft nur als etwas Fertiges kennt, der
wird gewiss in der Lage sein, ihre Erfahrungen und Ergeb-
nisse praktisch zu benutzen und auch an ihrem Weiterbau
mitzuarbeiten; aber ihren schönsten Reiz wird ihm die Wissen-
schaft nicht geben, diesen schönsten Reiz, der ihr Leben ist,
ihre Entwicklung, ihr Werden und Entstehen. Es ist schwer
und vielleicht sogar unmöglich, den Zauber dieses Reizes
demjenigen zu schildern, dem der Sinn für die historische
Betrachtung fehlt; jedenfalls geben die Worte nicht voll das
wieder, was das Geheimnis dieses Reizes ausmacht, denn hier
verknüpft sich gern mit der streng wissenschaftlichen Tätig*
keit die Wirkung der gestaltenden Phantasie.
- Wenn man das Leben einer Wissenschaft durch die Jahr-
hunderte verfolgt, so findet man einen dauernden Kampf von
Lehren und Meinungen, die kommen und wieder verschwin-
den, und es könnte dem flüchtigen Auge beinahe erscheinen,
als ob hier eine unendlich grosse Mühe und Arbeit umsonst
geleistet würde. Aber wie wenig ist das der Fall! Jede Lehr-
meinung, die aufkommt, regt zu weiteren Beobachtungen an;
und wenn sie von einer anderen verdrängt vom Platze ab-
tritt, so bleibt immer ein Teil von ihr in der neuen Anschau-
ung übrig. Sehr oft sehen wir auch, dass eine Lehre lange
nach ihrem ersten Entstehen von neuem hervortritt, natürlich
verändert und umgestaltet, so dass sie auch in der Lage ist,
die in der Zwischenzeit aufgefundenen Erfahrungen zu um-
fassen, um nochmals ihre Rolle in der Wissenschaft zu spielen.
Der aufmerksame Beobachter kann hieraus eine mehrfache
Lehre ziehen. Er wird sich hüten, den Gültigkeitswert der
herrschenden Schulmeinung zu überschätzen, er wird sich den
offenen Blick auch für gegenteilige Ansichten bewahren, und
er wird in dem oft übertriebenen Kampfe der Tagesmeinung
vorsichtige Zurückhaltung wahren. Er wird sich aber auch
klar darüber sein, dass die Mitarbeit an dem Aufbau und
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