III. Materie und Leben
10. Variabilität und ihrer Vererbung,
wobei wir uns natürlich auf das Wichtigste beschränken müssen 307).
Darwins Lehre nimmt als Material, unter dem die Selektion ihre Wirk-
samkeit entfaltet, in der Hauptsache zunächst die sog. individuellen
Variationen an. Es hat sich nun durch die eifrige Forscherarbeit der
letzten Jahrzehnte herausgestellt, daß dieser Begriff selbst durchaus nicht
eindeutig ist, vielmehr eine ganze Reihe verschiedener, auf gänzlich ver-
schiedene Ursachen zurückzuführender Erscheinungen umfaßt.
Zunächst ist festzustellen, daß ein großer Teil der individuellen Unter-
schiede der Nachkommen sich gemäß dem früher über den Mendelismus
Gesagten (S. 334.) als Aufspaltung oder Neukombination von mendelnden
Erbeigenschaften erklärt. Wir sahen dort, daß so auch ganz neue Arten
durch vorher nicht dagewesene Kombinationen der Erbeinheiten oder
„Gene‘‘, wie man jetzt meist sagt, entstehen können. Derartige Unter-
schiede sind selbstverständlich in derselben Weise weiter vererbbar. —
Zum anderen haben die mühsamen Forschungen von Jordan, Johann-
sen u. a. das grundlegend wichtige Ergebnis zutage gefördert, daß die
von uns anstandslos zu einer „Art“ zusammengefaßten Bestände von
Pflanzen und Tieren, wie wir sie in der Natur etwa in einem Bohnen-
felde oder einer Schafherde vor uns haben, lediglich einen Sammelbegriff
vorstellen, daß aber in Wahrheit jede solche ‚Population‘ aus einer
ganzen Anzahl „elementarer Arten‘ und diese eventuell noch wieder aus
sog. „reinen Linien‘, dazu gegebenenfalls allen möglichen Bastardformen
gemischt ist. Da wegen der mit der geschlechtlichen Fortpflanzung ver-
bundenen dauernden Vermischung der Erbeinheiten die Verhältnisse
bei fast allen Tieren und auch den meisten Pflanzen fast unübersehbar
verwickelt liegen, so sind diese Feststellungen vorzugsweise an solchen
Pflanzen gemacht, welche als reine Selbstbestäuber keine Veranlassung
zu Bastardierungen geben.
- Um Johannsens Versuchsergebnisse, die auch für die praktische
Züchtung von hervorragender Bedeutung sind, zu verstehen, müssen wir
zunächst den Begriff der sog. fluktuierenden Variation erörtern.
Vergleicht man die Nachkommenschaft, die etwa aus einer einzelnen
Bohne nach einer oder mehreren Generationen (bei strenger Inzucht)
entsteht, etwa in Hinsicht auf die Länge oder das Gewicht der Samen-
körner, indem man diese in Klassen einteilt, etwa von je 1 mm zu 1 mm
Längenunterschied, so findet man z. B. folgende Zahlen 308): Von im
ganzen 450 Bohnensamen. hatten eine Länge von:
891011 72 13 14 15 16 mm Länge
| 1223 108 767 106 33 7 1 Exemplare
(10 mm bedeutet hierbei: zwischen 9,5 und 10,5 usw.) Man sieht un-
mittelbar, daß also die mittlere Länge 12 mm weitaus am häufigsten,
die größeren oder kleineren aber, die Plus- und Minusvarianten, um
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