Full text: Gedanken zu einer Weltanschauung vom Standpunkte des Ingenieurs

Die Herrlichkeit der Technik und heraufziehende Schatten. 11 
Menschen auf eine ungeahnte Daseinshöhe erhoben haben wird, da alle Erden- 
reste des Fıondienstes, harter verdummender Muskelarbeit verschwunden 
sein werden, wo ein neues Menschengeschlecht nur noch aus hygienischen Gründen 
in lustanregenden Sportübungen die Muskeln spielen zu lassen braucht. Wo 
eben dank der Technik hygienische Einrichtungen im Wohnen, Kleiden 
und der Lebensführung die höchste Stufe körperlicher Sprungkraft und Ge- 
schmeidigkeit erreichbar machen werden, so daß gemäß einer uralten Regel in 
solchem Körper auch ein urgesunder Geist wohnen wird, und der Mensch sich 
im wesentlichen seiner höheren geistigen Bestimmung wird widmen können. 
An solch herrlicher Zukunft sind wir Ingenieure mitzuarbeiten berufen. Haben 
wir irgendeinen Grund, uns im Verfolgen dieses edlen Zieles durch dem In- 
genieurwesen fremde Überlegungen stören zu lassen? Welche Schatten 
ziehen herauf? 
Vor wenigen Jahren noch hätte man mit dem Heraufbeschweren solcher 
Besorgnisse Verwunderung erregt. Heute stehen wir sozusagen mitten drin 
in Schwierigkeiten, die in der Hauptsache durch einen der glänzendsten Vorzüge 
der Technik selbst, durch den zu raschen Fortschritt oder ein Übermaß von 
„Rationalisierung‘‘ hervorgerufen worden sind. Ich meine die Arbeitslosigkeit, 
die heute (Ende 1930) auf der Welt etwa 15 Millionen Arbeiter*, also mit den 
Angehörigen zusammen wohl an die 30 Millionen Menschen umfaßt, die wir als 
die Repräsentanten modernen Bettlertums ansehen müssen. Wohl sind die Gründe 
dieser Erscheinung verwickelter Natur und hängen sowohl mit dem Abseitsstehen 
Rußlands, wie mit einer Überindustrialisierung der Welt in Verbindung. Außer- 
dem gesellte sich die tiefe Depression hinzu, die durch das unerhörte Sinken 
der Weltpreise der führenden Roh- und Nahrungsstoffe verursacht wurde. So 
erlebten. wir im Sommer letzten Jahres die unglaubliche Tatsache, daß in Argen- 
tinien Getreide verfeuert wurde und gewisse Teile der Vereinigten Staaten von 
Amerika erleichtert aber vergeblich aufatmeten, als eine Dürre die allzureiche 
Ernte wenigstens teilweise zu dezimieren anfıng. 
Ob man hoffen darf, daß die gegenwärtige Weltkrise nach dem Eintreten 
ruhigerer politischer Verhältnisse (man braucht sich nur zu erinnern, daß im 
Laufe des vergangenen. Sommers in fast allen Staaten Südamerikas revolutionäre 
Umstürze stattgefunden) auf natürlichem Wege bald wieder verebben wird, 
ist noch durchaus fraglich. Jedenfalls ist es Tatsache, daß technischer Erfinder- 
geist planmäßig in der Richtung tätig ist, neue Arbeitskrisen durch unabläsige 
Verbesserung des Herstellungsprozesses hervorzurufen. 
. Betrachten wir die vollkommenste Ausgestaltung der Fertigung bei Ford, 
wo ungelernte Handlanger am bekannten fließenden Band mechanische Hand- 
griffe ausführen, als deren. Endergebnis die fertige Maschine entsteht, so kann es 
in der Tat nur noch die Frage einer kurzen Spanne Zeit sein, bis für die Herstel- 
lung von solchen Massengütern, wie Haushaltungsgegenstände, Automobile, 
Uhrenteile, Teile von Textilmaschinen und zahllosen anderen, die Handgriffe 
des ungelenken Handlangers ebenfalls durch Mechanismen ersetzt 
werden. Wer weiß, in welch naher Zukunft wir uns Fabriken vorstellen dürfen, 
die in zahlreichen Stockwerken mit surrender Maschinerie zwar dicht angefüllt, 
1 Internat. Arbeitsamt Genf, nach Neue Zürch. Ztg., 6, Jan. 1931.
	        
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