Full text: Allgemeine Aesthetik als Formwissenschaft (2., Systematischer Theil)

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tischen Linear- und Farbenverhältnissen (der Zeichnung und dem 
Colorit) auch noch ästhetische Verhältnisse in den durch Vor- 
stellungen aufgefassten geschichtlichen Vorgängen finden, ohne dass 
weder Linien mit Farben, noch eines von beiden mit Gedanken 
in ein und dasselbe Verhältniss zusammengeworfen, wol aber 80, 
dass der Gesammteffekt des Gemäldes als die Summe der Effekte 
seiner Zeichnung, seines Colorits und seines durch Worte aus- 
drückbaren Vorstellungsinhalts angesehen werden dürfte. 
$. 71. Wo durch Natur- oder Kunstwerke grosse zusam- 
menhängende Vorstellungsmassen zur ästhetischen Beurtheilung 
im vollendeten Vorstellen dargeboten werden, da sind es fast nie- 
mals Stofftheile einer und derselben Art (blosse Ton- blosse Far- 
benvorstellungen u. s. w. in ästhetischen Formen), sondern fast 
immer Complexionen heterogener Materie, deren Bestandtheile je 
unter sich wohlgefällige oder missfällige Verhältnisse ausfüllen. 
So vereint der Anblick landschaftlicher Natur Farben- und lineare, 
Flächen- und körperliche Formen, Mit den in lebendiger Rede vor. 
getragenen Gedankenformen vereinigen sich die rhythmischen des 
Numerus und Metrums, die Klangformen der abwechselnden Vocale 
und Consonanten. Dennoch pflegt das Wohlgefallen und Missfallen, 
das nur von den Formen unter sich homogener Stofftheile ge- 
weckt werden kann, für die Gesammtgruppe in ein, auf alle, 
unter sich heterogenen Stofftheile bezügliches Urtheil des Lobs oder 
des Tadels zusammenzurinnen, welches demnach nicht als reine, 
sondern nur als verworrene Gesammtwirkung angesehen werden 
kann. Das erste Geschäft des ästhetischen Beurtheilers muss sein, 
dieses Gesammturtheil aufzulösen, und jeder in sich homogenen 
von mehreren gleichzeitig anwesenden oder ablaufenden Reihen 
ästhetischer Formen das ihr gebührende auszusondern. Wo 
in einem Gemälde Zeichnung, Colorit und poetische Gedanken 
enthalten sind, können die erste trefflich, das zweite lebhaft und 
die dritten unbedeutend und abgebraucht sein. 
$. 72. Mit der Aussonderung der vagen und der blossen 
Stoffgefühle beginnt, mit der Aussonderung der verschiedenen 
ästhetischen Formen und Formenarten schliesst der ästhetische 
Prozess. Nachdem jene ausgeschieden, was nicht, entscheidet 
diese was gefalle oder missfalle. Das Ganze ist einem Gerichts-
	        
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