Full text: Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien (1. Abteilung)

VI. Produktivitätstheorien. Wolf, Wieser. 517 
die Produktivitätstheorie typischen Rahmen, oder tritt doch aus demselben 
nicht soweit heraus, daß ihre genauere Darstellung und Kritik ohne für 
den Leser lästige Wiederholungen schon k ekannter Gedankengänge durch- 
geführt werden könnte?!). KEiner besonderen Untersuchung scheint mir 
nur die durchaus eigenartige Theorie WızsEers zu bedürfen. 
Wızssger hat sich die Wissenschaft zu dauerndem Dank verpflichtet 
1) Dies gilt auch von den recht ausführlichen, aber nach meiner Empfindung 
auch recht ungeklärten Ausführungen WoLirs. Er behauptet eine ‚„„Wertproduktivität 
des Kapitales‘‘, stellt sich aber bei der ihm obliegenden Begründung dieser Behauptung 
mit Erwägungen zufrieden, welche ich auf der ganzen Linie nicht als wirkliche Be- 
gründungen oder Erklärungen, sondern nur als Paraphrasen des Problemes selbst an- 
sehen kann. Er erläutert die von ihm behauptete Wertproduktivität als „die Fähigkeit 
des Kapitales über das Maß 1. der eigenen Kosten, 2. der Kosten der technisch eventuell 
zum Kapitalersatz befähigten Produktionsfaktoren einen Ertrag zu liefern‘, und will 
diese These durch die „jedem zugängliche Wahrnehmung‘‘ „belegen‘‘, daß sich Über- 
schüsse der bezeichneten Art ergeben, wenn durch Vermittlung von Kapital die Vor- 
teile der Arbeitsteilung, des Großbetriebes, des Gebrauchs von Maschinen und von, 
einen „Einsatz‘‘ fordernden, Naturkräften gewonnen werden. Das Kapital sei sonach 
„zweifellos ein objektiver Produktivitätsvermittler‘‘ (a. a. O0. 4611f.). — Nun, daß 
durch den Gebrauch von Kapital die Entstehung von Wertüberschüssen „vermittelt“ 
wird, ist allerdings zweifellos; das ist ja der Grund, warum man diese Wertüberschüsse 
theoretisch und praktisch überhaupt als Kapitalerträgnisse oder Kapitalzins und 
nicht z. B. als Arbeitslohn oder Unternehmergewinn auffaßt. Aber diese Tatsache 
ist ja eben der Gegenstand des Zinsproblems, das Erklärungsobjekt für alle Zinstheorien, 
und ganz und gar nicht ein Beweis oder Beleg für die Richtigkeit einer bestimmten, 
z. B. eine „Wertproduktivität‘“ des Kapitales behauptenden Theorie. Im polemischen 
Teile seiner Ausführungen fühlt denn auch WoLF das Bedürfnis, zu seiner obigen „Er- 
klärung‘‘ noch eine Ergänzung nachzutragen. Er meint nämlich, es sei nötig, daß der 
Konsument das durch die Kapitalverwendung, z. B. auf das Vierfache gesteigerte 
Quantum von Produkten auch höher als den Kapitalverbrauch selbst bewerte, wenn 
„der Erzeuger eine Veranlassung haben soll, sich eines Kapitales überhaupt zu be- 
dienen‘; und der Konsument werde auch bereit sein, es höher zu werten, „weil, wenn 
er es höher wertet, er der Werkleistung des Kapitales mit teilhaftig wird, ohne welche 
er für das vierfach vermehrte Produkt viermal so viel zahlen müßte, während er nun 
bloß das Drei- oder Zweifache zahlt. Derjenige also, der den Wert der Waren ent- 
scheidet (der Konsument), ist, um einen Gewinn aus der Kapitalsverwendung zu haben, 
gezwungen, und zwar mit dem Zwange des vernunftgemäßen Raisonnements, dem 
Kapitalisten mehr zu lassen, als den bloßen Wiederersatz seiner Aufwendungen, ihm 
also zu einem Kapitalzins zu verhelfen.‘‘ Auf diese Weise gehe die bloße Güterproduktivi- 
tät des Kapitales in eine Wertproduktivität über (S. 466). — Aber sonst pflegt das 
„vernunftgemäße Raisonnement‘‘ doch bekanntlich bei dem Bestande einer wirksamen 
Konkurrenz die Handlungen beider Marktparteien so zu lenken, daß der Preis der 
Produkte auf den Betrag der Kosten nivelliert wird: die Verbilligung der Kosten setzt 
sich in eine Verbilligung der Produkte um. Warum gerade hier nicht, oder doch nicht 
bis zur Neige? Das hätte doch etwas deutlicher aufgeklärt werden müssen als durch 
das schon von AnAM Smirm angeschlagene patriarchalische Motiv, daß der Kapitalist 
einen Zins haben muß, weil er sonst kein Interesse hätte, sein Kapital in der Produktion 
anzuwenden! — So viel sich erkennen läßt, ist WoLF auch in seinem neueren Grundriß 
„Nationalökonomie als exakte Wissenschaft‘ 1908 auf dem Standpunkt der Produk- 
tivitätstheorie unverändert stehen geblieben.
	        
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