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von dem Wesen einer Säure ist die noch heute gültige: „Säuren
sind gewisse Wasserstoffverbindungen, in welchen der Wasserstoff ver—
treten werden kann durch Metalle.“ — Die Schranke zwischen
Sauerstoffsalzen und Haloidsalzen fiel, und man erkannte, daß jede
chemische Verbindung ein geschlossenes Ganzes bildet und nicht aus
zwei Teilen, einem elektropositiven und einem elektronegativen, bestehen
muß. Diese Anschauung müssen wir auch in der chemischen Nomen—
klatur zum Ausdruck bringen. Wir sagen z. B. nicht mehr „Schwefel⸗
saures Kupferoxyd, gTq s0,“ sondern „Kupfersulfat“, entsprechend
der Formel Cu S0,.
Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wenn ich
auch nur in großen Zügen das Leben und Wirken aller bedeutenden
Chemiker des glorreichen vergangenen Jahrhunderts der angewandten
Naturwissenschaften schildern wollte. Dasselbe hat für die Entwicklung
der Chemie und ihres Einflusses auf den Kulturfortschritt der
Menschheit mehr geleistet, als alle vergangenen Jahrtausende mensch—
licher Thätigkeit. Im 19. Jahrhundert ist die Chemie zur Wissen—
schaft herangereift und in ihrem Lichte das chemische Handwerk zu
einer weltbeherrschenden Macht geworden.
Um die Mitte dieses unvergleichlichen Jahrhunderts erstrahlte
am deutschen wissenschaftlichen Firmamente in hellstem Glanze das
Dreigestirn: Liebig, Wöhler, Bunsen.
Justus Liebig, am 12. Mai 1803 in Darmstadt geboren,
fühlte sich schon sehr früh mit unwiderstehlicher Gewalt zur Chemie
hingezogen. Die Apothekerlaufbahn, welche damals die einzige
Möglichkeit bot, praktisch mit der Chemie bekannt zu werden, verließ
er bald, um sich akademischen Studien zu widmen. Nach zwei—
jährigem Aufenthalte in Erlangen ging er nach Paris, wo seine
Wissenschaft zu jener Zeit unter Gay-Lussac, Thénard,
Dulhong, Chevreul, Vauquelin u. a. am frischesten sprudelte. —
1824 wurde er als Professor nach Gießen berufen, wo er 28 Jahre
lang blieb. Im Jahre 1852 folgte er einem Rufe nach München, von