liegenden Schriften von Hartig und Seelgen, ohne die Ausführungen
in meinen hier gebotenen Aufsätzen zu wiederholen.
Bei der Ausdeutung der Hochreliefbilder am Papstgrabe Clemens II.
(Hartig, S. 91) im Westchor des Domes wird ein Irrtum wiederholt,
der aus dem Bilde nicht entschuldigt werden kann: die allegorische Ge—
ftalt der Kardinaltugend Mäßigkeit, Temperantia, mische Wein mit
Wasser. Sehen wir das Bild doch genau an! An den Krügen ist ihr In—
halt nicht erkennbar, aber die Frau schüttet unmäßig viel Wasser in den
anderen Krug, so daß von Wein nichts mehr zu schmecken wäre. Die
Temperantia ist doch wohl keine Abstinenzlerin? Der umgekehrte Fall,
daß sie überfließenden Wein in das Wasser stürzte, wäre doch Ver—
schwendung. Die Mäßigkeit hält Maß in allen Dingen. (Wohl auch im
Weinpantschen.) Ihre Attribute sind (nach Molsdorf, Sauer u. A,)
Meßschnur, Zirkel und Sanduhr. Um den Inhalt eines Kruges zu mes—
sen, gießt sie Wasser aus einem geeichten oder als Maß dienenden Kruge
hinein; sie mischt nicht, sondern sie mißt (Berger), um Unzulänglichkeit
uͤnd Uebermaß in gleicher Gewissenhaftigkeit zu meiden.
Die ßende Gestalt an der Schmalseite, die das Fußende des Papst—
sarges bildet, hält in der Rechten ein Schwert an seiner Klinge, nicht
am Griffe. Sie droht nicht mit dem Schwerte, sondern sie zeigt es. In
der aus Ehrfurcht im Mantel verhüllten Linken trägt der bärtige Mann
die Rundscheibe mit dem Lamm Gottes. So erscheint niemals in der
christlichen Kunst der „Weltrichter mit dem Symbole der Erlösung“ Es
ist Johannes der Täufer, dessen Attribut die Lammgottesscheibe ist. Das
Schwert ist ihm hier beigegeben, weil er (wie Paulus) den Martertod
durch das Schwert erlitten hat. Betrachten wir die Krone des Bamber—
ger Keiters. Das ist keine ausgesprochene Königskrone. Man vergleiche
die Kronen anderer Bildwerke des Domes. Die Krone des Reiters wird
wohl vor ihrer Verstümmelung ungefähr die gleiche gewesen sein, wie
die der Ekklesia, die des Fürsten unter den Verdammten im Bogenfelde
des Fürftentores und die des „Vorbildes“ in Reims. Kronen schmücken
auch die Figuren des Fürsten der Welt oder „Versuchers“, des Führers
der törichten Jungfrauen in Straßburg und Freiburg. David unter den
Propheten an der Nordostschranke des Georgenchors und gar die „Frau
Welt“ mit den Kröten auf dem Rücken in Worms haben die Lilien—
krone. Letzteres verträgt sich nicht mit der süßen Liliensymbolik neuerer
Zeit. David und noch weniger die Frau Welt verdienen kaum die Aus—
zeichnung für „sittliche Reinheit und Jungfräulichkeit“. Es ist eine neu—
zeitliche Einfühlung zu sagen: „Die Lilsenkrone Mariä in der Bam—
berger Verkundigung (Geoörgenchor) deutet auf ihre Jungfräulichkeit
hin? Die Stilifierung der Blume, des Dreisprosses, der Knospe, der
Flamme, kann immer einer Lilie ähnlich sein, die symbolische Bedeu—⸗
fung aber war Leben, Gnade, Licht. Die Krone bedeutet einen Kranz
hon Blättern oder Blumen, einen damit besteckten Stirnreif. Das Drei⸗
hlatt oder die Blume auf Zeptern oder auf dem Botenstab des Verkün—
digungsengels ist zurückzüführen auf die Leben spendende grünende
Rute. MNara ist gekrönt als die königliche Frau nach Abstammung und
Würde. Wir hätten alfo wieder ein ikonographisches Gesetz, das in Lehr—
hüchern der Symbolik nicht betont wird: Man hüte sich, gotische, barocke,
hiedermaierische Symbolik zu vermengen und in die romanische hinein—
zudenten. Unrichtig ist die Meinung, die Blätter auf Kronen seien miß⸗
berstandene Lilien (Hartig, S. 99). Die heraldische Lilie war kein Frie—
—5 sondern ein Trutzzeichen, im Sinne von Speerspitzen oder
Flammen.
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