501 LEIBGESANG — LEIBHAFT
LEIBGESANG, m. lieblingsgesang? ich kann zwar in ihrem
leibgesange weder ein dichterisches noch sittliches verdienst
finden. GÖTHE 18, 208.
LEIBGETRÄNK, n. lieblingsgetränk.
LEIBGEWAND, n.>-
der rasche speer fuhr durch den blanken schild,
und weiter durch den schönen panzer hin,
und risz am wanst das leibgewand ihm auf, BÖRGER 155".
LEIBGEWINN, m. gewinn, mutznieszung auf lebenszeit :
praedia rustica... plerumque rusticis ad dies vitae CONCe-
duntur, scil. sie werden zu leib-gewinn gegeben, ea ratione,
ut demortuo agricola, ab eius liberis nova domini concesslo
impetrari debeat. HALTAUS 1244,
LEIBGRILLE, f. lieblingsgrille: Chrys. ich mag weder deine
noch meines sohnes grillen länger mit anhören. Ant, noch
eine hören sie, und zwar die, welche zuletzt seine leibgrille
ward: er wollte mehr als eine frau heirathen. LESSING 1, 234.
LEIBGURT, m. gurt um den leib:
zog er sofort das geschosz aus dem fest anliegenden leibgurt.
Ilias 4,213.
LEIBGÜRTEL, m. gürtel um den leib: noch kraftloser flosz
die linke (kand) über den schwarzen leibgürtel herab. TnüMmErL
6,43; silberne spangen, stirnbänder und leibgürtel. Fr. MÖLLER
2, 225.
) LEIBGUT, n. landgut, weiches nur zum leibgewinn angewiesen
ist. ScHm. 1,1412 Fromm. auch dotalitium, leibgeding, witthum
leibgut. KırRscH cornuc.
LEIBHABER, m. haber als zins von leibeigenen,
LEIBHAFT, f. persönliche haft: anstatt des abgelebten vaters
trat wohl auch der kraftvolle sohn in leibhaft, die in schuld-
knechtschaft überging. NIEBUHR 2, 671.
LEIBHAFT, adj. und adv., nach leib in verschiedenem sinne,
‚ergl. dazu auch unten leibhaftig.
1) das mhd. Yiphaft konnte im sinne von leben habend, lebend
(vgl. leib 1 sp.581) sliehen ?
daz Troye wart zerbrochen,
daz gilte ich in vil kurzer stunt,
ist, daz ich liphaft und gesunt
heliben sol üf erden. troj. krieg 20582.
2) in den folgenden formeln bewahrt nhd, leibhaft noch die
»rinnerung an diese bedeutung, insofern es mit lebendig (6, b
sp. 428, vergl. auch die stelle aus Faust s. 119 unter lebhaftig
sp. 466) wechseln kann; schlieszt sich aber andrerseits an leib 2
sp. 582 fg. an, indem es nicht blosz das leben, sondern dazu die
ganze persönliche erscheinung hervorhebt; er ist selbs leibhaft da,
en ipse est. MAALER 269*; indesz weisz ich nicht, wer es mir
schon gesagt hatte, dasz ich in leibhafter person auf dem
theater in Hamburg seit einiger zeit spielen solle. LESSING
12, 299; diese eilentwickelungen (im leben der völker),.. will
eben der kurzlebige, auf den halben sold eines halben jahr-
hunderts gesetzte mensch leibhaft erleben. J. Pauvı dämmer.
seite 20;
steht doch (ihr freunde)! ach! nein.
sie sind es leibhaft nicht,
es ist ihr schein,
der mir die augen bricht. FLEMING 404.
in vergleichen und bei hervorhebung von ähnlichkeiten: so bald
er in dem manne, den er vor sich sah, den ganzen leib-
haften Hippias, wie er ihn zu Smyrna verlassen hatte, wieder
fand. WıELAnD 3,141; ein sohn war glücklich zur welt ge-
kommen, und die frauen versicherten .. es sei der ganze Jeib-
hafte vater. GörmE 17,298; pfui teufel! sagte sie (Philine) und
wendete das gesicht ab, die leibhafte frau Melina! das garstige
bild! man sieht doch ganz niederträchtig aus! 20, 228;
als stünd mit seiner sense der tod leibhaft in streit,
so schauten ihn zag die feinde bei seiner blutarbeit.
ScHerFEL Ekkehard s. 355 (Waltharilied).
in die bedeutung wirklich, echt übergreifend : der discurs üher
Hermann und Dorothea gefällt mir doch gar nicht übel, und
wenn ich wüszte dasz er von einem recht leibhaften Franzosen
herrührte, so könnte mich diese empfänglichkeit für das
deutsche des stoffes und das homerische der farm erfreuen
und rühren. ScHILLER an Göthe 442.
3) leibhaft, nur in bezug auf den körper (vgl. leib 3 sp. 583);
im gegensatz zur seele: alle leibhaften und selhaften thier und
menschen. Fıscnart ehz. 60; daher von einem leichnam: der
heil, kaiser Hainrich ist begraben leibhaft zu Bamberg. Scum.
1, 1411 Fromm, ; ferner in bezug auf fülle des leibes? leipphafter,
corpulentiores, ebenda (von 1418): corpulentus. leibhaft. feist
LEIBHAFTIG 602
Dasyp.; dazu gewährt MAALER 269° das subst. die Jeibhafte, da
xl leibs ist, corpulentia,
LEIBHAFTIG, adj. und adv., wie leibhaft.
1) leben habend, lebenskräftig, nur im mhd.: als gröz, daz
»z libhaftig mochte wesen. Sachsensp. 1,33; vergl. der herro
Ötiget und libhaftiget, dominus mortificat et vivificat. Haupts
seitschr, 8, 123.
2) leibhaftig, in persönlicher erscheinung: und siehe, es war
ler leibhaftige Florindo. Cur. Weise kl, leute 377; die ähn-
ichkeit mancher längst vorübergegangenen mit lebendigen,
hm bekannten und leibhaftig gesehenen menschen. GöTHE
‘1, 116; so ziehe ich selbst ihn (den geliebten) herbei, bis er
esibhaftig vor mir steht. FrevraG ahnen 5,119;
dasz ich gester von jhm (dem heil. Franciscus) vernommen,
ar wöl leibhaftig zu euch kommen.
J. AYRER fastn. sp. 134° (3010, 34 Keller) ;
und wie er (der duft) sich wieder zerstreut, o wunder, so sehen
die schwestern ihren papa, den sultan lobesam,
den scepter in der hand, leibhaftig vor sich stehen.
WIELAND 5, 143 (n. Amadis 18, 30);
die schäferin, die statt auf sammt und flaum
im dunkeln busch auf weiches moos gestrecket,
ihr junger hirt leibhaftig, nicht im traum,
mit unverhofften küssen wecket. 9,127;
wenn in Cypriens figur
die wollust selbst leibhaftig vor ihn träte. 60;
der herr, der (wie der schlaue leser bald
vermuthet hat) der schöne Sinibald
leibhaftig war. 21,214;
du sollst das muster aller frauen
nun bald leibhaftig vor dir sehn. GöraE 12,132.
jern m bezug auf den teufel: dasz er kein mensch möchte
sein, sondern ein leibhaftiger teufel. volksbuch von dr. Faust
ı, 17 Braune; da erschiene jhm der teufel leibhaftig. &. 26;
nuth genug, mich unterm lichten galgen mit dem leibhaftigen
'eufel um einen armen sünder zu balgen. SCHILLER rdub. 1,2;
len leibhaftigen teufel. GörHE 33, 157, der auch blosz der leib-
aaftige heiszt, so in Tirol. Fromm. 6, 445; wenn ich den sehe,
wäre es mir immer, der leibhaftige wäre da und wolle mich
ıehmen. J. GorraeLF UR d. pächter (1870) 345; von gespenstigen
vesen! wenn sie nur leibhaftig aushalten, warnte Gabriel, die
art kommt und verschwindet wie sie will, und nicht wie wir
wollen. FreyrAG handschr. 1,181. bei hervorhebung von ähnlich-
teiten* leibhaftig reden wie er, einsi red wäsenlich ab econ-
;rafeten , exprimere sermones alicujus. MAALER 269°; er sieht
eibhaftig aus, wie sein bruder, exprimit ad vivum faciem fratris.
STEINBACH 1,1027; selbst von dingen, wie wirklich, ächt: seitdem
lie welt so klug geworden ist, das kupfer für silber loszu-
werden, seitdem hat sie gefunden, dasz das kupfer leibhaf-
iges gift ist. der lustige schuster (1768) 219; als ihr eines tages
Ȋn zahn ausfiel. er...war zu meiner verwunderung kein
eibhaftiger, sondern ein eingesetzter zahn. garlenlaube 1871
532°;
würd man euch alles lassen sehn (in einer comödie),
als wenns leibhaftig thet geschehn.
J. AYRER 35" (190, 22 Keller) ;
dasz man noch die geschicht
leibhaftig sehen kan. WECKHERLIN 725,
3) leibhaftig, einen körper habend, körperlich: leibhaftig, das
nen leib hat, corporeus MAALER 269“; dem leiblos gegenüber-
jestellt LuTHER 3, 101° (vgl. die stelle unter leiblos 2); in bezug
zuf die fleischwerdung Christi: leibhaftig worden durch den
heiligen geist, von der jungfrawen Maria, und mensch worden.
„UTHER 6, 546° mit der randbemerkung: (leibhaftig) empfangen
»der leib angenomen, auf grob gedeudscht incarnatus, ein-
;efleischt; in jm wonet die ganze fülle der gottheit leibhaftig
owuAaTIKÄAS, vulg. corporaliter). Col. 2,9; und eigent (Noah)
jeinem mittlern sone, ausz des linien der son gottes der
>wige mittler solte leibhaftig werden, die selbigen edlen und
»bnen morgenlender zu. MATnEs. Sar. 12°; welcher (gofles sohn)
m anfang der letzten monarchien solte leibhaftig werden. 77”;
'n bezug auf eine leiche: ze jungest stifte sü (s. Adelheit) das
:loster zü Selsze..do inne sü ouch lipheftig lit. d. städtechr.
3, 421, 16; aldae lies men in sent Quirin lifhaftich sein (die
‚eliquien des h. Quirin sehen). 14, 782,35; von dingen: diu stimm
st ain behender luft, geslagen oder geprochen zwischen zwain
jerten leibhaftigen dingen, der ainz sleht und daz ander den
;lak aufhebt. darumb geheernt dreu dinch zuo der stimm.
von ersten der Iuft und dar näch zwai leibhaftigeu dinch, die
hert sein; dar umb der wollen auf wollen slüeg, dä würd
rain stimm auz. MEGENBERG 15,26: nu schaw. wie sich der