Erdkunde und Geologie,
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liche Erscheinungen zeigen. Viele Böden sind klimatisch bedingt und daher
örtlich begrenzt; von ihrer Verbreitung sind das Pflanzenkleid und die Be-
wirtschaftung abhängig. In manchen Gebieten, wie in Rußland, bildet die
Verbreitung der Böden einen landschaftskundlichen Einteilungsgrund ersten
Ranges, und so sind wir geneigt, heute die Bodenkunde wenigstens teilweise
der Erdkunde als wesentlichen Bestandteil zuzuweisen.
Weniger Berührungspunkte bietet die Paläontologie, gleichviel ob wir
sie mehr systematisch wie v. Zitfel! oder stammesgeschichtlich und physio-
logisch wie Stromer v. Reichenbach? betreiben. Schon näher steht uns die
historische Geologie im Sinne einer Formationskunde®; denn sie
muß die räumliche Verbreitung gewisser Schichten feststellen und sucht sogar
aus der Summe der aufgefundenen Versteinerungen Schlüsse auf das gesamte
Landschafts- und Lebensbild eines Zeitalters zu ziehen. So ist es erklärlich,
daß sich aus ihr neuerdings eine besondere Paläogeographie* abzuspalten
beginnt, die jene Berührungspunkte mit der erdkundlichen Betrachtungs-
weise herauszuarbeiten bemüht ist.
B. Wills in Boston (1910) nennt .Paläogeographie „die Geographie aller
Perioden der Erdgeschichte, seitdem Erde, Luft und Wasser sich im g] eichen
Zustand wie gegenwärtig befinden. Sie umfaßt nicht nur Verteilung von
Land und Meer, sondern auch Topographie des Landes, Zirkulation der Ge-
wässer des Ozeans und der Atmosphäre, Verteilung der Lebewesen, wie sie
für eine bestimmte Periode charakteristisch waren. Ihr letztes Ziel ist die
Aufdeckung der Ursachen, die die Veränderungen an der Oberfläche der
Erde und in ihrer Lebewelt hervorbrachten‘“. Arldt nennt den Ausdruck
„gleicher Zustand‘“ .zu unbestimmt und erklärt die Paläogeographie als
„Geographie aller vergangenen Perioden der Erdgeschichte seit der end-
gültigen Verfestigung der Erdkruste‘“. Dacque hält die beiden Wissenschaften
folgendermaßen auseinander: „Wo aus den unmittelbar zutage liegenden
Oberflächenformen der Erde eine geographische Darstellung von Verhält-
nissen der Jetztwelt oder der unmittelbaren geologischen Vergangenheit ge-
geben wird, oder wo aus — ebenfalls der direkten Oberflächenanschauung
entsprungenen — historischen Berichten geschöpft wird, da sind wir mitten
im Arbeitsgebiet der Geographie. Wo wir aber rein aus tektonischen, strati-
graphischen, petrographischen, paläontologischen Daten ein Bild ehemaliger
ı K, A. v. Zittel, Handbuch der Paläontologie. München u. Leipzig 1876—93.
2 E. Freiherr Stromer v. Reichenbach, Lehrbuch der Paläozoologie. Leipzig 1909.
3 E. Kayser, Formationskunde, 5. Aufl. Stuttgart 1913. — F. Römer u. F. Frech,
Lethaea geognostica, Stuttgart.
s E. Dacqu€, Grundlagen und Methoden der Paläogeographie. Jena 1915. — Ders.,
Geographie der Vorwelt (Paläogeographie; Aus Nat. u. G.). Leipzig 1919. — F. Koß-
mat, Paläogeographie. Leipzig 1915. — Th. Arldt, Die Entwicklung der Kontinente und
ihrer Lebewelt. Leipzig 1907. — Ders., Handbuch der Paläogeographie. Leipzig 1917.
— E. Sueß, Das Antlitz der Erde. Leipzig 1883-——1909.