Historische Bemerkung über die Wahrscheinlichkeits-Rechnung. 181
ınan zu mehreren Hypothesen gekommen, die alle bekannten
Thatsachen gleich gut erklärten, und betreff derer die Mei-
nungen der Gelehrten auseinandergingen, bis entscheidende
Beobachtungen die wahre Hypothese erkennen liessen. So-
dann ist es interessant für die Geschichte des menschlichen
Geistes, auf diese Hypothesen zurückzugehen und zu sehen,
wie es denn kam, dass sie eine grosse Zahl von Thatsachen
erklärten, ferner die Veränderungen aufzusuchen, die sie er-
fahren müssen, damit sie in die richtige in der Natur statt-
findende übergehen. So z.B. verwandelt sich das Ptolemäische
System, welches einfach das, was uns am Himmel erscheint,
als wirklich hinstellt, in die Hypothese von der Bewegung der
Planeten um die Sonne, wenn man darin die Kreise und
Epieyklen, die Ptolemäus jährlich beschreiben lässt, ohne über
ihre Grösse etwas auszusagen, der Sonnenbahn gleich und
parallel macht. Sodann genügt es, um diese Hypothese in
das wahre Weltsystem zu verwandeln, die scheinbare Be-
wegung der Sonne im entgegengesetzten Sinne auf die Krde
zu übertragen.
Es ist fast immer unmöglich, die Wahrscheinlichkeit der
durch diese verschiedenen Mittel erlangten Resultate der Be-
rechnung zu unterwerfen; und das gilt in ähnlicher Weise für
die historischen Thatsachen. Aber die Gesammtheit der er-
klärten Erscheinungen oder der Zeugenaussagen ist manch-
mal von der Art, dass man, ohne ihre Wahrscheinlichkeit
abschätzen zu können, sich vernünftigerweise hinsichtlich der-
selben keinen Zweifel erlauben kann. In anderen Fällen thut
man gut, sie nur mit erosser Vorsicht zuzugeben.
Historische Bemerkung über die Wahrscheinlichkeits-
Rechnung.
Seit langer Zeit schon hat man bei den einfachsten Spielen
die Verhältnisse der für die Spieler günstigen oder ungünstigen
Chancen bestimmt; die Einsätze und Wetten wurden nach
diesen Verhältnissen geregelt. Aber niemand vor Pascal und
Fermat hatte Prinzipien und Methoden angegeben, um diesen