Full text: Niedergang der islamischen und der byzantinischen Kultur (2. Band)

  
   
Gregor VII, Heinrich IV. und V. 345 
ſelbſt vermögen ſich kaum Rechenſchaft zu geben, wo das eine 
aufhört und der andere beginnt. Darauf beruht jogar zum 
guten Teil ihr Erfolg. Man darf es Gregor glauben, daß 
es ihm immer nur um die Sache, nicht um ſeine Perſon zu 
thun war, nicht gemeiner Ehrgeiz trieb ihn, ſondern ſeine 
Überzeugung. Er glaubte für Chriſtus zu ſtreiten, aber ſein 
Chriſtentum mündete in die Herrſchaft des Papſttums aus. 
Das Prieſtertum ſollte dur<h das Verbot der Laien- 
inveſtitur und der Ehe jeder Gemeinfchaft mit den Laien ent- 
zogen, auf der einen Seite ganz dem Papſttum unterthan, auf 
der andern unendlich über die gewöhnliche Menſchheit er- 
hoben werden. Damals wurde auch die Lehre von der Trans- 
ſubſtantiation, der ſubſtantiellen Verwandlung von Brot und 
Wein bei der Meſſe in wirkliches Fleiſ<h und Blut Chriſti 
als rechtgläubig erklärt, und der gelehrte Gegner Berengar 
von Tours, der die reale Gegenwart des Herrn im Abend- 
mahle leugnete, zum Schweigen gebracht. Das Prieſtertum 
als Vollbringer des geheimnisvollen höchſten Wunders, des 
Opfers Chriſti, wurde zur geweihten Körperſchaft. 
Wie alle großen in der Geſchichte handelnden Männer 
ergriff Gregor nur die Bewegungen, die er vorſand, aber er 
gab ihnen die Richtung, die fie beibehielten. Er übertrug die 
Meinungen der Gluniacenfer in die Politik und verpflanzte 
den kriegeriſchen Geiſt des Abendlandes in die Kirche. Mochte 
ſie auh ihren Bekennern weiterhin Entſagung und Weltflucht 
predigen, für ſi<h nahm die Kirche die Weltherrſchaft in An- 
ſpruch; ihre Umwandlung in ein juriſtiſch-politiſches Fnſtitut 
iſt Gregors Werk. Jdeen treten, ſobald ſie ſo weit gediehen 
ſind, daß ſie den Angriff auf das Beſtehende eröffnen können, 
immer mit überſchwenglicher Schärfe und rüdjichtslofer Ein- 
feitigfeit auf, und mußten auch Gregors Nachfolger fie einiger- 
maßen abſhwächen, weil der Widerſtand der vorhandenen 
Zuſtände nie reine Durchführung geſtattet, der Kampf war auf 
der ganzen Linie eröffnet. 
Der kirchliche Gedanke war jezt klar und beſtimmt ſor- 
muliert. Er hatte etwas Großartiges, Beſtechendes; warum 
follte nicht die Menfchheit unter göttlich-päpftlicher Führung 
diesfeitiges und jenfeitiges Heil finden? Die Probe war zu 
machen, und es kam auf ihren Ausfall an. 
Als Gregor ſtarb, war Heinrich ſeinen Feinden in Deutſch- 
    
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   
  
  
    
   
  
  
  
  
 
	        
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