Full text: Sammelmappe Wilhelm Peßler

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Im allgemeinen ist zu beobachten eine im Laufe der Zeit gich steigernde 
Zerlegung und Auflösung der Masse, schließlich eine übermäßige Neigung zum 
Aüusschmücken, 56 wird schließlich das Ornamentale ungeheuer stärk betont” 
gegenüber dem.Konstruktiven, das aber in überragender Weise doch gewisser- 
naßen dadurch in Geltung bleibt, daß die von der Baukunst übernommenen For- 
men reine Schmuckformen werden. So überwuchert die Verzierung endlich den 
Yegmmstand, es übertönt also der Schmuck den Zweck, An die Stelle der Zu- 
sammenhaltung und runden Bindung der Romanik ist schließlich die Zerfase- 
rung getreten, . Sm am nm Mann m ma 
In besonders hohem Grade durchäringt und beherrscht die gotische Stilrich- 
tung den Altar: entsprechend dem gesteigerten Schmuckbedürfnis und der Nei- 
gung, Masse und Form nach oben aufzulösen, wird der Aufbau bescnders betont, 
teilweise mit Fialen und Winpergen geschmückt und dadurch gewissermaßen in 
seinem Hochstreben verstärkt, weiterhin auch in der Fläche durch Schrein 
und Nischenbildung vertieft und durch die zwei seitlichen Klappflügel ver- 
breitert, A 
Möbel: Die Sägemühle (wahrscheinlich in Augsburg um 1320 erfunden) schafft 
zu den mit der Axt zubereiteten Bohlen etwas dünnere Bretter, wodurch die 
Rahmenkonstruktion aus festem Rahmen und eingelassener Füllung ermöglicht 
wird; diese schützt praktisch gegen Werfen und Reißen und wird künstlerisch 
belebend durch den Gegensatz von Höhe und Tiefe, nämlich Rahmenwerk und- 
Füllung. vön 
In Frankreich schon früh, dann auch in Deutschland starke Nachahmung des 
Steinbaues durch die Formen der Holzmöbel: vorzesetzte Strebepfeiler, go- 
tische Tür- und Fensterformen angewandt. Neben der alten Trühe, deren Kon- 
struktives immer mehr von Zierwerk überdeckt wird, erscheint der Schrank; 
iieser übernimmt von den gteinernen Festungsbauten das Vorbild der Zinnen- 
bildung, wodurch er besondere Eigenart gewinnt. 
Der Unterschied der verfügbaren Holzarten (im Norden hauptsächlich. harte . 
kurzfaserige Laubhölzer von Eiche und Ahorn, im Süden weiche langfaserige ı 
Nadelhölzer) beeinflußt nach Fritz Bellwag nicht nur die Verzierung, sondern 
Auch die Konstruktion; technologisch fördert das Hartholz des Nordens hoch 
antwickelte Schnitzerei, welche die Drechslerei zurückdrängt, das Weichholz 
üies Südens ein flaches Ausheben des Crundes: 
Die Holzfüllungen sind sehr oft beherrscht durch eine dureh Auskehlung der 
Fläche bewirkte faltenähnliche Gestaltung, das für die Gotik höchst bezeich- 
nende Faltwerk, das meistens senkrecht verläuft, seltener waagerecht. / 
Im Kunstgewerbe ist der gotische Stil besonders geeignet für Zisen, dessen 
Örnamentik Jacob vor Falke aus Werkstecff und Arbeitsweise ableitet; die Be- 
schläge werden unter starker Teilung ausgeschmiedet und erhalten zerteilte 
and durch Herausschneiden zum Teil durchbrochene Muster. Hinzu kommen 
Schloß, Leuchtgerät, Feuergerät und Harnisch, 
Aus Bronze. bildet man Taufbecken, aus Messing Beleuchtungsgerät, Behälter 
und GCrabplatten. Die Goldschnmiedekunst erfährt besondere Blüte; zu ihren 
Meisterwerken gehören Reliquienschreine, Monstranzen und Pokale. Verzier- 
tes Leder überzieht die Außenseite von Büchern und Behältern, 
a) Plastik“ 
Sie löst sich allmählich aus der Baukunst heraus, deren Begleiterin sie zu- 
3rst war, sie wird Selbstzweck und dadurch zu einer eigenen Kunst und auf 
liese Weise unabhängig, selbständig, frei und bewegt, Die Gestalten geben 
allmählich die Massigkeit und Rundung der Romanik auf und gewinnen an Länge 
und Schmalheit; bezeichnend ist die Körperbiegung, die "gotische Kurye!,
	        
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