Dyspepsie. 143
zweifeln, dass nicht nur viele, ihrer Begründung nach bisher dunkle
Krankheitszustände der Verdauungsorgane, sondern auch manche räthsel-
hafte Allgemeinkrankheit, vor Allem wohl der Diabetes, allein vielleicht
auch die Serophulose, die Rachitis, die Arthritis und viele andere Dysera-
sieen hierin ihre vollkommene oder wenigstens theilweise Erklärung und mit
dieser zugleich den ralionellen Weg zur Heilung finden werden.
$. 25. Weiterhin steht der normale Vorgang der Verdauung unter
dem Einflusse und der Herrschaft des Nervensystems, welches nicht nur
theilnehmend an dem steten Stoffumsatze des Gesammtorganismus, das
Bedürfniss nach neuer Stoffaufnahme von aussen, unter dem Gefühle des
Hungers und Durstes zum Bewusstsein bringt, sondern auch die Secrelion
der Verdauungssäfte, die nothwendige active Bewegung der Darmorgane
und endlich die Resorption und Assimilation in allen ihren Phasen leitet
und regelt. Diese hohe Bedeutung des Nervensystems für die Verdauung
ist sowohl durch zahlreiche physiologische Experimente, als auch durch
pathologische Beobachtungen hinreichend constatirt. Sowohl das Gehirn
und Rückenmark, als der Nervus vagus und sympathicus kommen hier
in Betracht. Auf experimentellem Wege sind die Verdauungsstörungen,
die nach der Durchschneidung des 10. Nervenpaars entstehen, am genaue-
sten gekannt. Frerichs zieht aus seinen Versuchen den Schluss, dass
diese Störungen vorzüglich durch die Veränderung der Magensaftsecretion
und die dadurch bedingte Störung der, Chymification der eiweissartigen
Körper, zum geringeren Theile auch durch Beschränkung der peristalli-
schen Bewegung des Magens vermittelt werden. Die Einwirkung der Cen-
tralorgane und des Sympathicus ist weniger auf dem Wege des physiolo-
gischen Versuchs, als durch krankhafte Zustände derselben, durch die
Wirkung der Gemüthsaffecte, angestrengter geistiger Beschäftigungen, so
wie aller Potenzen, die das Nervenleben angreifen, die Action der narco-
tischen Mittel, den Einfluss des Allgemeinbefindens u. s. w. gekannt. Der
nächste Einfluss, den Störungen im Nervenleben auf die Digestion nehmen
scheint wohl in den hiedurch bedingten Veränderungen in der Secretion
der Verdauungssäfte begründet — die Abweichungen in der Menge und
Beschaffenheit sämmtlicher Drüsensecrete bei veränderter Innervalion sind
im Allgemeinen lange gekannt und in jüngster Zeit insbesondere für die
quantitative Secretion der Speicheldrüsen von Ludwig mit wissenschaft-
licher Schärfe nachgewiesen worden. Doch steht in dieser Beziehung
kaum mehr als das blosse Faetum fest, während die speciellen Verände-
rungen, die die Verdauungsseerete unter veränderten Nerveneinflüssen er-
leiden, uns beinahe gänzlich unbekannt sind.*) Es muss daher vorderhand
für unsere praciischen Zwecke genügen zu wissen, dass in einer nicht
unbedeutenden Anzahl von Fällen die Verdauungsstörung nur der Aus-
druck eines krankhaft veränderten Nerveneinflusses sei, eine Art der
Dyspepsie, die gewöhnlich als nervöse bezeichnet wird. Die speciellen
Arten der, diesen Anomalieen der Innervation zu Grunde liegenden entfern-
ten Ursachen sind so zahlreich, als das Nervensystem, theils substantiell,
theils in seiner Wechselwirkung mit allen andern Organen und dem Le-
bensprocesse im Ganzen unendlich viele Möglichkeiten der Erkrankung
bietei. Es ist daher kaum zu-viel behauptet, wenn man sagt, dass fast
jede mögliche Krankheit, theils durch ihre Rückwirkung auf die Central-
*, Frerichs fand nach Durchschneidung des Vagus den Magensaft alkalisch.