Full text: K bis L. (Sechster Band)

  
  
518 Leibnih 
Leibnitz (Gottfried Wilhelm, Freih. v.), einer der ausgezeichnetſten Den- 
fer und Gelehrten Deutſchlands, wurde zu Leipzig den 3. Juli 1646 geb. Sein 
Vater war daſelbſt Prof. der Rechtsgelehrſamkeit, ſtarb aber, ehe der Sohn das 6. 
Jahr vollendet hatte. £, beſuchte die Nicolaifchule feiner Vaterftadt bis zum 
15. J., jedoch ohne genaue Befolgung des Lectionsplanes, da ihn unter ben römi: 
ſchen Schriftſtellern Livius und Virgil ganz feſſelten; den Lebtern wußte er faſt 
auswendig und konnte noh im ſpäten Alter ganze Geſänge aus demſelben herſa- 
gen. Leichtigkeit der Auffaſſung und der Darſtellung zeichnete ihn bald aus. Schon 
im 15. J. fing er an, die akademiſchen Collegia in Leipzig zu beſuhenz und obwol 
ſein Hauptſtudium die Rechtögelehrfamteit fein follte, trieb er doch befonders Ma: 
thematik und Philoſophie, worin damals Jakob Thomafius den Unterricht ertheilte. 
Er ging auf ein Jahr nah Jena, um den Unterricht des berühmten Mathemati- 
fers Ehrhard Weigel zu benugen. Nach ſeiner Rückkunft zu Leipzig wurde er 
Baccalaureus der Philoſophie und Magiſter. Er fludirte jegt die griech. Philofo: 
phen. Einen glänzenden Beweis feiner Fortſchritte gab er durch die philoſophiſche 
Differtation „De prineipio individuationis“, die er (166%) unter Thomafius ver: 
theidigte, und welcher mehre juriſtiſche Probeſchriften, 5.3. „De conditionibus” 
(1665), und eine ausgezeichnete philoſophiſh-mathematiſche Abhandlung : „De arte 
combinatoria‘, folgten. Jm 20. Y. meldete er ſich bei der juriſt. Facultät zum 
Doctorat z als man ihn aber, unter dem Vorgeben ſeiner Jugend, zurü>wies, wen- 
dete er ſich nah Altorf, wo er mit Ehren promovirte. Man bot ihm fogar eine 
außerordentliche juriſtiſhe Profeſſur auf dortiger Univerſität anz allein er zog vor, 
fi) nad Nürnberg zu begeben, wo damals viele ausgezeichnete Köpfe vereinigt 
waren. Der Verbindung mit einer fich dort aufhaltenden alchymiftifchen Ge: 
ſellſchaft entriß ihn giücklicherweife der Baron von Boineburg, Eurfürftl. mainzi: 
ſcher Miniſter, deſſen Bekanntſchaft er machte, und auf deſſen Verſprechen einer 
Anſtellung in mainziſchen Dienſten er ſich nah Frankf. a. M. begab. Hier erſchien 
(1667) ſeine „Nova methodus discendae docendaeque jurisprudentiae“, die 
durch Klarheit und Tiefe gleich ſehr anzog, und der, auf Veranlaſſung ſeines Pros 
tectors, bald eine publiciſtiſhe Deduction folgte, in welcher L. den Polen zu bewci- 
ſen ſucht, daß ſich der Prinz von Neuburg vor allen Übrigen Concurrenten zu ihrem 
_ Könige ſchi>e. Nun wurde er, auf Boineburg’s Vortrag, als kurfürſtl. Rath 
zum Beifiger der Juſtizkanzlei in Mainz ernannt; aber dies trodene Gefchäft 
fonnte feinem wißbegierigen Geiſte keine Nahrung gewähren. Er fuhr daher in ſei- 
nen ſchriftſtelleriſchen Bemühungen fort und gab die „Theoria motus abstracti 
und die „Theoria motus concreti“ (1671, zwei nur durch die Dreiſtigkeit ihrer 
Anſichten ausgezeichnete phyſikaliſche Verſuche), wie auh ſeine gegen die Angriffe 
des Polen Wiſſowatius auf die Lehre von der Dreieinigkeit gerichtete „Sacrosaneta 
Trinitas, per nova argumenta logiea defensa” heraus. Unterdeß hatte aber 
Paris durch ſeinen literariſhen Glanz ſeine Augen auf ſich gezogen, ſodaß er das 
UAnecbieten, den jungen Boineburg dorthin zu begleiten, begierig (1672) ergriff. 
Die Zerſtrenungen dieſer Hauptſtadt entfremdeten ihn jebocy den Wiffenfchaften 
nichl ; er beſchäftigte ſich hier beſonders mit der Mathematik und genoß namentlich 
den Umgang des berühmten Huygens, deſſen Erwartungen von ihm er durch Erfin- 
dung einer der Pascal’ſchen ähnlichen Rehnenmaſchine entſprah. Nach dem Hin: 
ſcheiden ſeines Wohlthäters Boineburg, der 1673 ſtarb, ging L., da ihn jegt nichts 
mehr in Paris zurüchielt (nachdem er noc, ein Anerbieten, der dortigen Akademie 
als Penfionnair beizutreten, weil damit die Bedingung des Übertritts zur Eathol. 
Religion verbunden war, ausgefchlagen hatte), nach England und kam dort mit 
Wallis, Bayle, Oldenburg und Newton in die ehrenvollften Verbindungen. Won 
hier aus trug er fi) dem Derzoge von Braunfchweig-Lüneburg an, der ihm eine _ 
Rathsſtelle, eine Penſion und überdieß die Erlaubniß willkürlicher Verlängerung 
  
  
  
	        
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