Full text: Thüringische Volkskunde

  
  
  
  
AI. Volfsmedizinifcher Glaube und Brauch 
Die Volksheilkunde kann im Rahmen einer Stammesvolkskunde nur vom 
Volke aus behandelt werden. Die Anſchauungen des Volkes vom Weſen der 
Krankheit, von ihrer Entſtehung und Heilung, die im Volke als überliefer- 
tes Gemeingut verbreitet ſind, müſſen zum Ausgangspunkt genommen 
werden. 
Unſer Wort „Frank“/ bedeutete urſprünglich nur ſo viel wie „ſchwach, hin: 
fällig”; für Krankheit gebrauchte man das Wort „Sucht“, das ſpäter zur 
Seuche, d.h. zur anſte>enden Krankheit wurde. Der Arzt, vom griechiſchen 
archiatros abgeleitet, hieß bei den Germanen lähi, im Mittelalter läche- 
naere = Beſprecher. Schon dieſer ſprachliche Zuſammenhang deutet auf die 
weſentliche Seite der ärztlichen Tätigkeit in der Frühzeit hin: der Arzt hatte 
Heilſegen zu ſprechen oder, wie das Volk heute noch ſagt, zu „büßen’‘, die 
Krankheiten zu verbüßen. Büßen, ahd. buozzan, bedeutet aber ſoviel wie 
Abhilfe ſchaffen, heilen. Auch Kräuter, die man zur Heilung anwandte, er- 
hielten und erhalten in der Heilkunde auch vielfach heute noch ihre Heil: 
Fraft, wenn über fie Sprüche gemurmelt werden. 
Daß daneben auch die ärztliche Kunſt, genauer die Chirurgie, in vorge: 
ſchichtlicher Zeit in Thüringen entwi>elt war, beweiſen die Anbohrungen 
von Schädeln. Jn Pritſchöna (Kr. Merſeburg) hat man aus der jüngeren 
Steinzeit einen zweifach präparierten Schädel gefunden. Die geheilten Rän- 
der beweiſen wohl, daß die Bohrung am lebenden Menſchen vorgenommen 
worden iſt. Krankheiten, wie Knochenbrüche, Eiterungen und Verwundungen, 
waren alſo ſchon dem vorgeſchichtlichen Menſchen ſo einleuchtend, daß er 
ihnen mit entfprechenden Maßnahmen und Kunftgriffen erfolgreich zu be- 
gegnen wußte. Unheimlicher, unverſtändlicher dagegen erſcheinen dem Volke 
von jeher innere Krankheiten, und hier ſind es wieder vor allem Seuchen und 
Geiſteskrankheiten, die es erſchre>en. Von der früheren religiöſen Welt: 
anſchauung klingt noch vielerlei nach, wenn heute noch viele einfache Men: 
ſchen im Wüten ſolcher Krankheiten die Auswirkung böſer Geiſter ſehen, 
wenn ſie dieſe durch Heilſegen zu beſprechen oder dur<h Wortzauber und 
Handlung zu beſchwören, zu bannen, auszutreiben ſuchen. 
Dem Bannen liegt eine uralte Krankheitsvorſtellung zugrunde. Es 
wird gleichſam die Krankheit als ſelbſtändige Perſon oder als Geiſt ange- 
ſprochen. Aber dieſe Auffaſſung wird nicht mehr klar im Bewußtſein feſtge- 
halten, ſie iſt herkömmlich geworden. Die Thüringer brauchen für das Bannen 
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