68 Díe deutſche Oberſchule und das fremde Kulturgut
Gewißheit, in der Lebensform des Volkes für die ganze Menſch-
heit bedeutſame Werte hervorzubringen, liegt die letzte Be-
gründung der Nationalität. Daß aber die von andern Völkern
hervorgebrachten Werte in die eigene Nationalität einſtrömen,
iſt nicht minder eine ſittliche Notwendigkeit. Und die Aufnahme-
fähigkeit für folche neuen Werte iſt der Prüfſtein für die
Lebendigkeit und Zukunftskraft eines Volkes.
Dieſe Grundſätze, die ih hier mehr bekennen als be-
gründen konnte, müſſen in der Bildungsarbeit der Oberſchule
ſih in beſonderer Weiſe entfalten. Das naive Erleben des
eigenen Volfstums ift der Stufe der Kindheit angemeſſen,
das anſchauliche Verſtändnis gebührt dem Knabenalter. Die
Volks\chule kann hierbei verharren; die höhere Schule muß zur
Bewußtheit, zur Reflexion, zur gedanklichen Durchdringung
emporſteigen. Das aber iſt nun der Oberſchule eigentümlich, daß
ſie das fremde Kulturgut an der Stelle und in der Form zur
Darſtellung bringt, wo und wie es die deutſche Entwicklung
beeinflußt hat. Darum fügt es ſi< organiſch in den kultur-
kundlichen Geſamtunterricht ein. Aber das Auslefeprinzip ift
dann eben dieſer Zuſammenhang mit der deutſchen Entwicklung.
Die Auslefe erfolgt nicht nach der Bedeutung eines fremden
Stoffes für die fremde Kultur, fondern nach feiner Bedeutung
für die deutſche Kultur. Beides fällt gewiß vielfach zufammen,
da wir ung eben das Bedeutfame des Fremden angeeignet
haben. Aber es fällt doch nicht immer zuſammen. Die Antike,
die uns befruchtet hat, die unſere mittelalterliche Kultur \{<uf,
war nicht die Antike der Schulfchriftfteller des Gymnaſiums,
jondern die nachElaffifche Zeit ift für die Weltkultur von ent-
ſcheidender Bedeutung geworden, da ſie die Lehrerin der jungen
Völker wurde. Der eine Name Auguſtin in ſeiner weltgeſchicht-
lichen Bedeutung für die abendländiſche Kultur mag als Hin-
weis hier genügen, um zu zeigen, mit welcher grundſäßlichen
Blickwendung die Oberſchule die antiken Stoffe anſchauen