352 Zweites Kapitel: Vom Polenaufstand bis zum Dardanellenvertrag
hatte, da es ihm weder gelungen war, Skrzynecki zu vernichten
noch ein polnisches Korps auf seinem Warsch nach Likauen ab-
zuschneiden, hatte bereils seinen Flügeladjutanken Orlow ins
Hauptquartier abgesandt, um dort nach dem Rechten zu sehen,
und Paskiewitsch zu Diebitschs Nachfolger bestimmt. Im selben
Augenblick ist dieser — am Vorabend des Jahrestages von
Kulewlschi, den er festlich begehen wollte, — plötzlich von der
Cholera dahingerafft worden. Nur vierzehn Tage später sollte
ihm, von derselben Seuche ergriffen, Großfürst Konstankin zu
Witebsk, wohin er sich nach dem Zusammenbruch seines Werkes
mit seiner Frau zurückgezogen hattke, im Tode nachfolgen. Voch
im gleichen Jahr fielen im Posenschen, wo die Preußen auf-
marschiert waren, der Feldmarschall Gneisenau und sein Gene—
ralstabschef Clausewitz der Epidemie zum Opfer. Trotz alledem
glaubkten nur wenige Leute in Rußland bei Diebitsch an diese
Todesursache. Viele nahmen Selbstmord an; die der Regierung
Übelgesinnten sprachen von Giftmord. Die meisten aber äußer-
ten ihre Freude über das Ereignis und erblickten in ihm einen
Akt der götklichen Vorsehung, die Rußland auf verborgenen
Wegen schon so lange Jahrhunderte zu Ruhm und Größe
emporführe. Und selbst das Abscheiden des Großfürsten scheute
Benckendorff sich nicht mit der Wiedergabe ähnlicher Stimmen
zu begleiten, da man nun endlich „die ungehinderten Verfügun—
gen der Regierung in polnischen Dingen gefördert“ sah.
Enthusiastisch empfing die Armee den „zweilen Suworow“
als ihren neuen Befehlshaber. Aber auch Pastkiewitsch krat auf
dem polnischen Boden nicht mehr mit jenem sieghaften Wage—
mut auf, der ihm den Grafentitel „Eriwanskij“ eingetragen
hatte, wenngleich er in chauvinistischer Aufwallung die Polen
vom Angesicht der Erde auszurokten und Hsterreich wie Preu—-
ßen als Teilnehmer an diesem Vernichtungswerk zu sehen
wünschte. Mit seinen beiden baltischen Helfern, dem ihn scharf
kritisierenden Generalstabschef Toll und dem Generalquartkier-
meister Neidhardt, lebte er in ständigem Zwist. Nachdem jedoch
der gefährliche likauische Aufstand durch eine neugebildete Re—
servearmee niedergeworfen war, gelang ihm endlich die von Pe—
tersburg längst anempfohlene Operation: durch Gneisenau in
1 Krasnyj Archiv, 1931, 137.