Die Baukunst vom Ende des ı2. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts.
hier der alte deutsche Gedanke der rhythmischen Massengruppierung in
seiner Kraft und Schönheit. Sieben Türme krönen den Bau: zwei hohe
und starke an der Hauptfront, je zwei kleinere und schlankere an den
Querschiffsfronten, ein überragender, achteckig und in steilen Spitzhelm
auslaufend, über der Vierung. Diese vielgliedrige Höhenstrahlung emp-
fängt aber ihren letzten Sinn erst von dem mächtigen Unterbau, durch den
die Natur selbst das Gebäude vorbereitet hat. Es steht auf einem nicht
hohen, aber in steilen Wänden abstürzenden Felsen über der vorüber-
fließenden Lahn. Wenige Gebäude der Welt wird es geben (man erlaube
mir, einen bei einer früheren Gelegenheit von mir gebrauchten Vergleich zu
wiederholen), auf die Vasaris vor einem Bau Raphaels gesprochenes Wort:
»Nicht gemauert, sondern geboren«, mit so viel Recht Anwendung finden
darf: gleichsam als ob der Naturgeist des Ortes im Menschenwerk Bewußt-
sein gewonnen habe. Indessen war auch hierin der Meister von Limburg
nur ein Sohn seiner Zeit und seines Landes: überall am Mittel- und Nieder-
rhein, wie wir schon früher bemerkt haben, stehen Bauten, die darin über
die bloße Architektonik hinausgreifen, daß sie das Einzelkunstwerk mit
feinfühliger Wirkungsberechnung in seine Umgebung eingliedern. Aber
noch in einem andern Sinne hatte unser Meister sich an vorbestimmte
Bedingungen anzuschließen: er fand den Grundriß und selbst den Aufbau
in Höhe des Erdgeschosses fertig vor. Auf diesen rheinisch-spätromani-
schen Unterbau setzte er frühgotische Obergeschosse, die sich einem
bestimmten französischen Vorbilde eng anschlossen, einem Vorbilde, das,
nach seiner häufigen Benutzung zu urteilen, von den deutschen Bauleuten
besonders hoch geschätzt wurde, der Kathedrale von Laon (Abb. 222 a).
Soweit könnte die Zurückführung des Limburger Doms auf seine Quellen
wohl zu der Frage führen, wo denn da die Originalität des Meisters bleibe.
Denn die Erfahrungen in uns naheliegenden Zeiten haben uns mit Recht
gegen Zusammenstoppelung von Reminiszenzen mißtrauisch gemacht. Hier
aber handelt es sich um etwas anderes: um eine wahre Synthese, wie sie
nur dem schöpferischen Geiste gelingt. Nicht minder merkwürdig ist der
im Limburger Dom ausmündende historische Kreislauf der Motive. Wir
erinnern uns, daß die vielzahlige Gruppierung der Türme ein von alters
gepflegter, echt deutscher Baugedanke ist. Auf dem Wege über die Nieder-
lande war er in die Frühgotik Nordfrankreichs eingedrungen, wo er aber
nur kurze Zeit in Gunst stand, da die eigentlich französische Anlage die
mit zwei dominierenden Westtürmen ist. Der gruppierende Rhythmus
ist überhaupt kein französisch-gotisches Prinzip, auch nicht in der inneren
Anordnung. Bemerken wir also noch dieses: die sieben Türme der Kathe-
drale von Laon sind über eine stark in die Länge gezogene Anlage ver-
teilt und wirken dadurch wesentlich anders als in Limburg, wo sie einem
kompakt zusammengeballten Grundriß angepaßt sind. Um soviel größer
und prächtiger die Kathedrale von Laon ist, keinen Augenblick werden
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