Full text: Malerische Perspektive

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angenommen; die Scene geht gewissermaßen auf einer Terrasse vor, und man kann, 
auch bei den vordersten Figuren, die Fersen ihrer Füße nicht mehr erblicken. 
Zm Uebrigen ist der Abstand vom untern inneren Rahmenrande eines Bil 
des bis zum Horizonte nicht stets der Augenhöhe gleich; denn man kann sich 
denken, daß von einem Bilde unten ein Streifen weggeschnitten sey, oder daß 
man diesen Streifen von Anfang an absichtlich weggelassen habe, wie dies bei 
den sogenannten Kniestücken der Fall.- So sieht man Kompositionen schon aus 
der nachraphael'schen Zeit, worauf die vordersten Figuren nur als Bruststücke er 
scheinen. Bei all' diesen Bildern fehlt also die Grundlinie. Man müßte, um sie 
zu erreichen, das Bild nach unten verlängern. Wenn es nun richtig ist, daß 
man, geistig genommen, seinen Horizont so weit wie möglich machen solle, so 
wird das soeben Angeführte doch zeigen, daß diese intellektuelle Forderung für die 
zeichnende Kunst durchaus nicht maßgebend seyn könne, und daß, wie bedeutsam 
auch eine richtige Wahl der Höhe des Augenpunktes und Horizontes im einzelnen 
Fall erscheine, der Entscheid hierüber doch lediglich dem individuellen Ermessen des 
Zeichners anheimgestellt bleibe. 
Von der perspektivischen Einheit. 
32. Wolle der geneigte Leser sich dessen entsinnen, was wir über die per 
spektivische Wirkung überhaupt bereits in dem 8- 15 gesagt. Der Hauptsatz, 
worauf es hier ankommt, heißt: jedweder Zeichnung, welche irgend aus perspekti 
vische Wirkung Anspruch macht, soll ein bestimmter Standort des Zeichners oder 
Beschauers zu Grunde ligen. Die Zeichnung soll also nur einen Augenpunkt, 
nur einen Horizont, nur einen Maßstab haben. Nach diesem einen Augen 
punkt soll unter Anderem die Flucht aller wagrechten Linien gerichtet seyn, welche 
nach der Tiefe des Bildes laufen. Auf dem einen Horizonte sollen gleicherweise 
die Fluchtpunkte aller anderen wagrechten Linien ligen; ein richtiges Größen- 
verhaltniß soll im ganzen Bilde herrschen. Dies ist es, was wir unter per 
spektivischer Einheit verstanden wissen möchten. Zeichnet man nun eine Scene 
nach der Natur, so bedarf es nur einer kleinen Rücksichtnahme auf diese Sätze, 
und es wird sich Alles gewissermaßen von selbst geben. 
Anders aber wird die Sache, wenn man ein Bild komponiren und hiezu 
einzelne Studien benützen will. Denn da jede dieser Studien ihren eigenen Augen 
punkt und Horizont hat, so müßen sie nothwendig modifizirt werden, um mit dem 
für das ganze Bild angenommenen Horizont und Augenpunkt übereinzustimmen.
	        
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