Full text: Hautgewebe bis Ionicus (9. Band)

   
   
     
   
    
   
    
   
  
  
  
     
  
    
  
   
    
  
    
  
    
  
  
  
  
  
  
   
  
  
  
  
    
   
  
  
    
   
   
   
    
    
    
   
   
   
   
  
  
  
  
  
    
274 Heſſen- Homburg — Heſſen - Kaſſel. 
bezirk Wiesbaden der preußiſhen Provinz Heſſen- 
Naſſau, der andre (Oberamt Meiſenheim) zum Re- 
gierungsbezirk Koblenz der Rheinprovinz gehört. 
Geſchichte. H., eine Nebenlinie von Heſſen-Darm- 
ſtadt, wurde von Friedrich I., dem jüngſten von 
Georgs I. drei Söhnen, geſtiftet, der nah dem Willen 
ſeines Vaters (geſt. 1596) 1622 die Herrſchaft in Hom- 
burg antrat. Durch eine neue Teilung unter Fried- 
rihs Söhne, Wilhelm Chriſtoph und Georg Chriſtian, 
nach Friedrichs Tode (1638) zerſiel ſie wieder in die 
Linien H.-Bingenheim und H., deren Beſiß 1681, 
nach dem Tode der beiden ſöhneloſen Brüder, wieder 
vereinigt an den dritten Bruder, Landgraf FriedrihIl., 
den bekannten brandenburgiſhen Feldmarſchall, fiel. 
Dieſer zog vertriebene franzöſiſche Proteſtanten in ſein 
Ländchen und hob dadurch deſſen Jnduſtrie- und Fa- 
brikfweſen, aber erſt ſein Sohn Friedrich III. Jakob 
(1708—46) erwarbinfolgeeines mit Heſſen-Darmſtadt 
abgeſchloſſenen Vergleichs die vorher ſehr beſhränkte 
Landeshoheit. Als letzterer ohne männliche Erben 
ſtarb, folgte ihm fein Neffe Friedrich TV. Karl Lud- 
wig Wilhelm und dieſem ſhon 1751 ſein unmündiger 
Sohn Friedrich V. Ludwig. Unter dem letztern wurde 
H. bei der Errichtung des Rheinbundes zugunſten 
Heſſen - Darmſtadts 1806 mediatiſiert, aber erhielt 
durch den Wiener Kongreß 1815 die Souveränität 
wieder und erwarb die Herrſchaft Meiſenheim am lin- 
fen Rheinufer, doch erfolgte erſt 7. Juli 1817 mittels 
beſondern Vertrags die Aufnahme des Landgrafen 
in den Deutſchen Bund. Nach Friedrichs V. Ludwigs 
Tode (1820) folgten nacheinander deſſen fünf Söhne, 
zuerſt Friedrih VI. Joſeph und, als dieſer kinder- 
los ſtarb (2. April 1829), der zweite, Ludwig Wil=- 
helm Friedrich, preußiſher General der Jnfanterie 
und Gouverneur der Feſtung Luxemburg. Auf dieſen 
folgte 19. Jan. 1839 der dritte Bruder, Philipp 
Auguſt Friedrich, öſterreichiſcher Generalfeldzeugmei- 
ſter. Infolge an ihn ergangener Petitionen verſprach 
Philipp bereits 4. Febr. 1845 eine landſtändiſche Ver- 
faſſung, ſtarb aber 15. Dez. 1846 kinderlos, und ſein 
ihm folgender Bruder, Guſtav Auguſt Friedrich, öſter- 
reichiſcher Feldmarſchalleutnant, bewilligte erſt infolge 
der Märzereigniſſe von 1848 dur<h Patent vom 10. 
März dieEinberufung eines verfaſſunggebendenLand- 
iags. Dieſer trat aber wegen des Todes des Land- 
grafen Guſtav (8. Sept. 1848), dem der fünfte Bru- 
der, Ferdinand Heinrich Friedrich, öſterreichiſcher Feld- 
zeugmeiſter, ſukzedierte, erſt 12. April 1849 zuſammen, 
und ſchon 10. Dez. war das neue Staatsgrundgeſeß 
zuſtande gebracht und wurde 83. Jan. 1850 publiziert. 
Doch bereits 20. April 1852 wurde die Verfaſſung 
wieder aufgehoben. Jnfolge der am 20. Jan. 1849 
als Reichsgeſeß verkündigten Aufhebung aller deut- 
chen Spielbanken ſollte auch H. die zu Homburg vom 
1. Mai 1849 an aufhören laſſen, und als H. dagegen 
Einſpruch erhob, wurde die Schließung der Bank durch 
ein öſterreichiſches Exefutionskommando 7. Mai 1849 
erzwungen. Die Bank wurde indeſſen gleich darauf 
wieder geöffnet und beſtand bis 1872 fort. Da Land- 
graf Ferdinand 24. März 1866 kinderlos ſtarb, fiel 
die Landgrafſchaft an Heſſen-Darmſtadt, kam aber 
hon nah wenigen Monaten infolge des Friedens- 
vertrags zwiſchen Preußen und Heſſen-Darmſtadt vom 
3, Sept. d. J. an Preußen. Vgl. v. Herget, Das 
landgräflihe Haus 9. (Homb. 1903). 
Heſſen-Kaſſel, bis zum Ausbruch des deutſchen 
Krieges von 1866 ein Kurfürſtentum und ein Staat 
im Deutſchen Bund, 9581 gkm (174 QM.) groß mit 
(1864) 745,063 Einw., bildet jet im weſentlichen den 
  
  
Regierungsbezirk Kaſſel in der preußiſchen Provinz 
Heſſen-Naſſau (ſ. d.). Das Kurfürſtentum beſtand 
aus dem Stammland oder dem eigentlichen Heſſen, 
dem Fürſtentum Hersfeld, dem Großherzogtum Fulda, 
dem Fürſtentum Hanau und einigen abgeſonderten 
Teilen, wie der Grafſhaft Shaumburg im N., der 
Herrſchaft Schmalkalden im O. und einigen kleinern 
Gebieten, von denen Nauheim 1866 an das Groß- 
herzogtum Heſſen kam. 
Heſſen - Kaſſel als Fürſtentum des alten Reiches, 
Bei der Teilung Heſſens dur<h Landgraf Philipp 
den Großmütigen bei ſeinem Tode 1567 (\. Heſ- 
ſen, S. 263) erhielt der älteſte Sohn, Landgraf Wil- 
helm IV., der Weiſe (1567—92), Niederheſſen mit 
Ziegenhain und Schmalkalden und begründete die 
ältere Linie des heſſiſhen Fürſtenhauſes, die bis 1866 . 
herrſchte. Er ordnete den Staatshaushalï und ver- 
größerte ſein Gebiet 1583 durch den ihm zufallenden 
Anteil der Grafſchaft Rheinfels, die Herrſchaft Pleſſa, 
ein Stück von Hoya und den Reſt von Shmalkalden. 
Unter ſeinem Sohn Mori dem Gelehrten (1592 
bis 1627) hatte H. alle Schrecken des Dreißigjährigen 
Krieges zu erdulden und war den Ligiſten um ſo mehr 
verhaßt, als der Übertritt des Fürjten zur reformier- 
ten Lehre (1605), ſein treues Feſthalten an der Union 
und feine Abjicht, feine Stammlande mit Heeresmacht 
zu verteidigen, ihn mit ſeiner Ritterſchaft entzweiten 
und dieſe ihm die Mittel zur Abwehr der Feinde ver- 
weigerte. 1623 vom Kaiſer gezwungen, den 1604 von 
ſeinem Oheim Ludwig ererbten Teil von Oberheſſen 
an Darmj\tadt abzutreten (\. Heſſen, Großherzogtum, 
S. 271), verzichtete er aus Kummer über den Ruin 
ſeines Landes 1627 auf das Regiment zugunſten ſeines 
älteſten Sohnes, WilhelmV., und ſtarb 1632. Seine 
übrigen drei Söhne aus zweiter Ehe, Hermann, Fried- 
rich und Ernſt, ſtifteten die Nebenlinien zu NRoten- 
burg (bis 1658), Eſchwege (bi81655) und Rhein- 
fels. Die lettere brachte die Beſizungen von Roten- 
burg und Eſchwege nach deren Erlöſchen an ſih und 
teilte ſih 1693 wieder in Rheinfels-Rotenburg 
(bis 1834) und Rheinfels-Wanfried (bis 1755). 
Wilhelm V., der Beſtändige, {hloß ſich als 
einer der erſten im Auguſt 1631 an Guſtav Adolf an, 
ſtellte ein treffliches Heer auf und erhielt zum Lohn 
die Stifter Paderborn, Korvei und Fulda. Nach Gu- 
ſtav Adolfs Tode geriet Wilhelm wiederholt in Be- 
drängnis, da die Ritterſchaft die Mittel für das Söld- 
nerheer faſt ganz verſagte; zweimal, 1636 und 1637, 
ward H. von den Kaiſerlichen überſ<hwemmt und ge- 
plündert, und Wilhelm jtarb 1637 zu Leer in Ojtfrieg- 
land. Mit männlicher Tatkraft und Entſchloſſenheit 
führte ſeine Witwe Amalie Eliſabeth ſür ihren 
unmündigen Sohn Wilhelm VI. (1637—63) die 
Regierung, eroberte die Stammlande wieder und be- 
hauptete im Bunde mit Schweden und Frankreich mit 
einem Heere von 20,000 Mann H. und einen Teil 
Weſtfalens. Jm Weſtfäliſchen Frieden verlor ſie die 
drei Stiſter, erwarb aber Hersfeld und den größten 
Teil der Grafſchaft Shaumburg, erlangte auh 
dur einen Erbvergleich mit Heſſen-Darmſtadt einen 
Teil von Oberheſſen mit Marburg zurüd und führte 
die Brimpgenitur ein. 1650 ward Wilhelm VI. jelb- 
ſtändiger Herr, machteſich um die höhern Lehranſtalten 
ſeines Landes ſehr verdient und trat 1658 dem Rhein- 
bund bei. Jhm folgte ſein Sohn Wilhelm VII. unter 
Vormundſchaft ſeiner Mutter Hedwig Sophie von 
Brandenburg, die, als Wilhelm VII. noch unmündig 
1670 ſtarb, auch für den jüngern Bruder, Karl (1670 
bis 1730), bis 1675 die Vormundſchaft führte; Karls 
   
	        
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