Full text: Vorlesungen über Thermodynamik

System von beliebig vielen unabhängigen Bestandteilen. 168 
III. Capitel. System von beliebig vielen unabhängigen 
Bestandtheilen. 
§ 197. Im Folgenden untersuchen wir ganz allgemein das 
Gleichgewicht eines aus verschiedenen räumlich aneinander 
grenzenden Theilen bestehenden Systems, welches, im Gegensatz 
zu dem im vorigen Capitel behandelten, aus beliebig vielen un 
abhängigen Bestandtheilen zusammengesetzt sein kann. Jeden der 
räumlich aneinandergrenzenden Theile des Systems setzen wir als 
physikalisch homogen (§67) voraus, und nennen ihn nach Gibbs 
eine „Phase“ des Systems. So bildet eine Wassermenge, welche 
sich theils im gasförmigen, theils im flüssigen, theils im festen 
Aggregatzustand befindet, ein System von drei Phasen, Von 
vorneherein ist sowohl die Anzahl der Phasen als auch ihr 
Aggregatzustand ganz beliebig. Doch lässt sich sogleich erkennen, 
dass ein im Gleichgewicht befindliches System zwar beliebig viele 
feste und flüssige, aber nur eine einzige gasförmige Phase be 
sitzen kann; denn zwei verschiedene frei aneinandergrenzende 
Gase befinden sich niemals miteinander im Gleichgewicht. 
§ 198. Ausser der Zahl der Phasen ist für das System 
charakteristisch die Zahl seiner „unabhängigen Bestandtheile“; von 
ihr hängen die wesentlichsten Eigenschaften des Gleichgewichts 
ab. Die Zahl der unabhängigen Bestandtheile eines Systems 
detiuiren wir in folgender Weise: Man bilde zunächst die Zahl 
sämmtlicher im System vorhandener chemisch einfachen Stoffe 
(Elemente) und scheide dann aus dieser Reihe diejenigen Stoffe 
als abhängige Bestandtheile aus, deren Menge durch die der 
übrigen Stoffe in jeder Phase von vorneherein bereits mitbestimmt 
ist; die Zahl der übrig bleibenden Stoffe ist die Zahl der un 
abhängigen Bestandtheile des Systems. Welche von den Be 
standtheilen des Systems man als unabhängige, und welche man 
als abhängige Bestandtheile ansehen will, ist im Uebrigen gleich 
gültig, da es hier nur auf die Anzahl, nicht auf die Art der 
unabhängigen Bestandtheile ankommt. 
Mit der chemischen Constitution der einzelnen Stoffe in 
den verschiedenen Phasen des Systems, insbesondere mit der 
Zahl der verschiedenen Molekülarteu, hat die Frage nach der 
Anzahl der unabhängigen Bestandtheile garnichts zu thun. Eine 
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