Full text: Entführung bis Gebläse (Band 5)

Gb 
Nnihen, melde 
  
       
man früher Ct: | 
  
  
Erziehung 85 
fich nicht anzueignen, welche erfoderlich iſt, um ein Leben im Lichte ſeiner Beſtimmung zu 
führen. Da alle Bildung des Menſchen nur von innen heraus dur<h Selbſtthätigkeit erfol- 
gen kann, ſo beſteht das Geſchäft der Erziehung hauptſächlich darin, den Zögling.auf ange- 
meffene Art zur Selbftthätigkeit anzuregen, weshalb auch nicht mit Unreeht die Erziehungs- 
kunſt häufig Erregungskunft genannt worden iſt. Hieraus darf aber nicht geſchloſſen wer- 
den, als ließe fich dem Zöglinge von außen gar nichts anbilden, als müſſe Alles aus ihm, 
aus dem Innern feines Geiftes entwidelt werden. Ohne daß der Zögling ſelbſtthätig dabei 
iſt, läßt ſich ihm freilih von außen nichts anbilden, aber Maximen, die er oft hört, Beiſpiele, 
bie er täglich vor Augen ſieht, werden leiht durch Gewohnheit zu ſeinem Eigenthume, und er 
bildet fie nun als ſolches weiter in ſich aus. Hierauf ſowie auf der Vernunft und Freiheit 
beruht die Erziehungsfähigkeit, welche allein dem Menſchen zukommt, und die Möglichkeit 
der Erziehung. 
Über den Werth der Erziehung gibt es verſchiedene Anſichten. Während Manche von 
einer Allgewalt der Erziehung reden, behaupten Andere, die Erziehung vermöge nichts. Die 
Wahrheit liegt, wie aud) andermwärts, in der Mitte. Die Erziehung vermag viel, aber nicht 
Alles. Jhr Einfluß wird beſchränkt dur die natürlichen Anlagen des Zöglings, durch die 
Eigenſchaften des Erziehers, dur die Verhältniſſe und Umſtände, unter welchen die Er» 
ziehung vor ſih geht, hauptfächlich durch den allgemeinen Geiſt der Zeit und der Nation. 
Die Erziehung nimmt verſchiedene Richtungen, und es laſſen ſi hiernach verſchiedene Ar- 
ten derſelben unterſcheiden. In Beziehung auf die Art der erziehlichen Thätigkeit iſt die Er- 
ziehung negativ, wenn fie alles der natürlichen Entwidelung und der Selbſtbildung Nach- 
theilige abzuhalten, pofitiv, dagegen, wenn fie diefelben durch zwe>mäßige Mittel zu beför- 
dern ſucht. Die Unterfcheidung der häuslichen von der öffentlichen Erziehung bezieht ſich 
auf den Drt, wo bie Erziehung vor fich geht. Ju der neuern Zeit ift öffentliche Erziehung 
mit Schulerziehung gleichbedeutend, während das Altertum eine öffentliche Erziehung im 
prägnantern Sinne des Worts hatte. Die zwei Hauptrichtungen der Menſchenkraft begrün- 
den einen andern Unterſchied in dem Weſen der Erziehung, nämlich den der phyſiſchen und 
der geiſtigen Erziehung, und die legtere theilt man wieder ein in intellectuelle, welche es mit 
dem Erkenntnißvermögen, äſthetiſche, die es mit dem Gefühlsvermögen, moraliſche, welche 
es mit dem Begehrungsvermögen zu thun hat. NRüdfichtlich der Verhältniſſe des Zöglings 
iſt die Erziehung individuell, wenn ſie den Zögling als Individuum, ſocial, wenn ſie ihn als 
Glied der menſchlichen Geſellſchaft nimmt. Die individuelle Erziehung kann ſein allgemeine, 
inwiefern ſie auf ſedes erziehungsfähige menſchliche Individuum paßt, beſondere, welche nur 
für gewiſſe Claſſen von menſchlichen Jndividuen geeignet iſt (Knaben-, Mädchen-, Blinden- 
erziehung u. f. w.), und einzelne, welche nur auf ein beftimmtes Individuum bezogen wird. 
Die ſociale Erziehung läßt fich ebenfalls in allgemeine (Nationalerziehung), befondere 
(Standeserziehung, z.B. Erziehung des Bürgers, des Adels, der Prinzen) und einzelne 
(Erziehung für einen beftimmten Beruf) eintheilen. Die ganze Erziehungsthätigkeit voll. 
endet ſich in dem Zwe>e, den Mitteln und der Methode. Der nächſte Zweek der Erziehung 
iſt die Selbſtbildung des Zöglings; da aber dieſe wiederum als Zwe die Erreichung der 
Menſchenbeſtimmung hat, fo kann die legtere auh wol als Endzwe> der Erziehung ange- 
ſehen werden. Die Beſtimmung des Menſchen iſt keine andere, als in ſeinem ganzen Leben 
Gott oder, da Jeſus Chriſtus das Ebenbild Gottes im Leben am treueſten dargeſtellt hat, 
Jeſum Chriſtum ähnlich zu werden. Alle andere Zwe>e, welche man der Erziehung fonft 
wol beilegt, laſſen ſich entweder auf die genannten zurü>führen oder beruhen, wénn dies 
nicht möglich ift, auf falſchen Vorausſezungen. Jhren Endzwe> kann die Erziehung aber 
nur dadurch annähernd erreichen, daß ſie auch die mannichfaltigen Lebenszwe>e, denen der 
Zögling ſich hingeben ſoll, zu erſtreben ſucht. Die Mittel der Erziehung ſind ſehr mannich- 
faltig, laſſen ſich aber. auf drei Claſſen zurü>führen, nämlich Pflege, welche die natürliche 
Entwidelung befördert durch Wartung, Bewahrung und (erziehliche) Heilung; Zucht, d. i. 
die Gewöhnung des Zöglings noch vor und während der Erlangung der zur Selbftbildung 
erfoderlichen Einſicht dur<h Strafe und Belohnung, Beſchäftigung, Beiſpiel nnd Ubung; 
endlich Unterricht (f.d.). Im dev Methode der Erziehung oder der Erziehungsweiſe iſt 
die eigentliche Thätigkeit des Erziehers begründet, Sie beſteht in der Art der Einwirkung 
     
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
    
   
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   
   
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.