Full text: Die Provinz Hannover

  
1109 Das Emsland bis zur Baje. 1110 
  
beflagenswerten Verlauf der deutfchen Geſchichte 
die Niederlande in ihrem Kampfe gegen Spanien 
von Deutſchland keine Hilfe erhielten und fich 
deshalb vom Mutterlande losfagten, ja 1648 
politifch förmlich von demſelben aufgegeben wer- 
den mußten, verlor Deutſchland die Aheinmiin- 
dungen und damit für das reihe Rheinland 
die ‘Zuzüge zum Meere auf eigenem Gebiet. 
Die einmal nah Welten hin entſtandenen Ver- 
bindungen aber blieben, während von Oſten 
her die Handelsverbindungen Bremens ins Em$- 
gebiet hineinveichten, und, während dort wie 
hier dur< Flußregulierung, Kanaliſation und 
Straßenbau der Verkehr mit dem Inlande ſtieg, 
wurde Emden durch die höchſt bedauerliche Ver- 
legung des Emslaufs (\. w. u.) ganz von der 
See abgedrängt, und das obere Emsgebiet 
mußte infolge ſeiner Ode jener Förderungen 
entbehren. Die Eröffnung der hannoverſchen 
Weſtbahn (1856) erwe>te neue Hoffnungen 
hinfichtlih der Verbindung mit dem Süden, 
die zum Anſchluß an die weſtfäliſchen Fabrik 
bezirke führte. Sie {huf wertvolle Verbindungen 
für den Abſatz der landwirtſchaftlichen Produkte 
Oſtſrieslands, und die Stadt Leer wußte die 
Spedition der engliſhen Baumwolle und Twiſte 
von Liverpool und Hull an fich zu ziehen, wie 
ſie ſhon früher den Holländern die Spedition 
der zur Kattunweberei in Bentheim und dem 
nördlichen Weſtfalen nötigen Twiſte abgerungen 
hatte. Aber ein Schienenweg erwies ſih in 
unſerer an Eiſenbahnverbindungen fo reichen 
Zeit als ungenügend; erſt der Gegenwart war 
e3 vorbehalten, auch hier alte Hoffnungen zu 
erfüllen. Seit Deutſchland in ruhiger Größe 
ſih wieder auf ſich ſelbſt beſinnt und allerwärts 
die Wege nationaler Wohlfahrt zu eröffnen 
ſucht, ift auch der alte Plan einer ausreichen- 
den Schiſfahrtsverbindung zwiſchen der Unter- 
Ems und Weſtfalen ernſtlih ins Auge gefaßt 
und hat, dank dem energiſchen Beſtreben unſerer 
Staatsregierung und troß des bunteſten 
Kampfes der Intereſſen greifbare Geſtalt ges | 
wonnen: der Kanal Dortmund — Emden ift 
beſchloſſene Sahe und wird dem Emslande 
hoffentlih eine fröhlihe Zukunft bringen. 
1. Das Lmsland bis zur Haſe. 
Die Quelle der Ems liegt am Süd- 
weſtabhange des-Teutoburger Waldes im Stuken- 
brook, etwa 110 m über dem Meere. Der 
Abſchnitt von der Quelle bis etwas über Rheine 
hinaus gehört Weſtfalen an und hat, wie das 
  
Gebirge, eine nordweſtlihe Hauptrichtung. Von 
der Lippe iſt die Ems durch eine kaum bemerkbare 
Waſſerſcheide getrennt und läuft bis Rietberg 
dieſem Nachbarfluſſe parallel, bis ſie, durch die 
Stromberger Hügel nordwärts gedrängt, 
bei Greven ihre nördliche Richtung annimmt, 
die ſie bis zur Mündung in den Dollart bei- 
behält. Bei Greven wird die Ems, 14 Meilen 
von ihrer Direlle, bei einer Breite von reichlich 
30 m für jogen. Bünten, flachgehende Fahrzeuge 
von 400 Centner Tragkraft, ſchiffbar, während 
ſie bis zu dem Orte Telgte nur flößbar war. 
Bei Rheine, nahe der hannoverſchen Grenze, 
durchbricht der Fluß die legten Ausläufer des 
Teutoburger Waldes. Dieſer induſtrielle Ort 
mit der Saline Gottesgab, die ſeit 1845 durch 
einen Kanal mit der Ems verbinden ift, bildet 
den wichtigiten Stapelplaß an der Ober-Ems. 
Wahrſcheinlih ergoß fich einft die Ems, bevor 
ſie hier die Bergkette dur<hbrach, nordweſtlich 
ins Vechtethal hinein und ſomit in die Niede- 
rungen Hollands, wie denn die Alluvialablage- 
rungen bis an die Hügel von Nheine mit denen 
der Vechte in unmittelbarer Verbindung ftehen. 
Bis zum Durchbruch der Hügel bei Nheine, 
wo ſih in kleinſtem Maßſtabe die Verhältniſſe 
der Porta und des Elbdurhbruchs bei Magde- 
burg wiederholen, begleitet die Ems fettes Land, 
die „Münſterſhe Kleie“ genannt, mit einer 
Durchſchnittsbevölkerung von über 3000 Men- 
ſchen auf der Quadratmeile (in der Gegend 
von Steinfurt und Ahaus), die nah weſtfäliſcher 
Art auf zerſtreutliegenden, in Eichenkämpen ver- 
ſteten Höfen wohnt. Jenſeit Rheine finden 
wir eine völlig andere Landſchaft: öde Heide- 
und Sandſtre>en und weite, menſchenleere Moore 
ſtreiten um die Herrſchaft, die grüne Eiche weicht 
der ſtruppigen Föhre, die Bevölkerung ſinkt bis 
auf 1300 auf der Quadratmeile (im Herzogtum 
Arenberg-Meppen) und wohnt in geſchloſſenen, 
vafenartigen Dörfern im Gegenfaß zu den lang- 
gejtreckten weitfäliichen Bauerfchaften auf über- 
all Fruchtbarem Boden. 
Auch in der Geſchichte Äpricht fih die Be- 
deutung der Scheide bei Rheine in mannigfacher 
Weiſe aus. Bis hieher reihten von Süden her 
die Brukterer, das Volk der münſterſchen Tief- 
landsbucht, während nördlich von ihnen die 
Amfivarier ſaßen; die Grenze der Diöcefe 
Münſter reihte nördlich bis zu dieſem Punkte, 
dann folgte bis Oſtfriesland die Osnabrücker 
Kirchenprovinz; nur im Weſten der Ems reichte 
Münſter bis Lingen. Bis zum heutigen Tage 
      
    
   
   
   
   
   
    
  
    
   
   
   
   
  
    
  
   
   
   
    
  
   
   
  
    
  
   
   
    
  
   
   
    
  
   
   
   
    
   
  
    
  
   
  
    
  
   
    
   
  
  
    
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