Dal Zehnter Abschnitt. Anomalien des Bewußtseins.
Denkens. — Die Symbole haben offenbar den Sinn: „Das ist geradeso wie folgende
Begebenheit‘; diese malt man aus und geht völlig in ihr auf, ohne weiter an
die Veranlassung des Symbols zu denken.
d) Sucht man den wertvollen Kern aus dieser Traumerklärung heraus-
zuschälen, so muß man zugeben, daß häufig egoistische Wünsche im
Traume auftauchen. So entschädigt man sich auch wohl in der Tages-
träumerei nachträglich für eine erlittene Beleidigung, indem man sich
eine öffentliche Beschämung des Gegners ausmalt. Je stärker ein solcher
Wunsch ist, desto länger wird er nach Art einer Stimmung nachwirken
und so einen einheitlichen Faden in den Traumerscheinungen liefern.
Ist der Gegensatz des Wunsches zu den sittlichen Anschauungen zu
stark und der Schlaf weniger tief, so wird der Wunsch zurückgedrängt
oder irgendwie abgeändert. Aber dem liegt keine überlegene Zensur
zu Grunde, die das Verdrängte unbewußt genießen will, sondern ein
Kampf zwischen dem egoistischen Wunsch und den sittlichen Grund-
sätzen. Die sog. Entstellungen und Verschiebungen sind nicht eine List
des Unbewußten, sondern Unvollkommenheiten des Traumbewußtseins,
das beständig entgleist und keine straffe Einheit kennt. Bleuler: Bei der
Träumerei stellt man fast immer eine bestimmte Richtung fest, die meist
affektiv bestimmt ist: Wunsch, Furcht, wissenschaftliche Probleme. Auch
wenn wir ein Thema ausschließen wollen, kommt es oft bald von selbst
wieder. So können die Verlesungen, Verschreibungen einen Komplex
verraten. Die Wirkung des Unbewußten ist besonders klar bei post-
hypnotischen Suggestionen, für die der wahre Grund der Ausführung
oft unbekannt ist, weshalb ein falscher ersonnen wird. Die Neigung zu
Symbolen, d.h. bloßen Ähnlichkeiten statt Identitäten, liegt nach Bleuler
am unscharfen Denken. Das phantastische Denken, das von Affekten
geleitet wird und sich um die Wirklichkeit nicht kümmert, herrscht im
Traum; mehr besonnen in Tagträumereien, in Märchen. Dem Wachen
dient es als Spiel, als Phantasieübung, dem Träumenden liefert es in der
Phantasie Befriedigung seiner geheimsten Wünsche und Befürchtungen,
die er wach unterdrücken würde. Freud hat in der Tat den Weg zum
Verständnis des Traumes als eines Ganzen eröffnet. Wahre Elemente
seiner Lehre sind, daß im Traum ein Streben liegt, verdrängte Triebe
sich auszudrücken, auch sexuelle, daß man mehr in Bildern denkt, was
zu Symbolen führt; auch manche der Umbildungen, wie die Verdich-
tung, die ja auch im Wachen nicht ganz fehlen. Etwas von der Einheit,
die Freud im Traum sah, ist also vorhanden. Aber es geht zu weit, aus
dem Traumganzen eine überwältigend geistreiche Leistung zu machen.
Die logische Absurdität bleibt vielmehr eine Tatsache, zu deren weiterer
Erklärung wir zurückkehren müssen.
83. Psychologische Erklärung der Grundeigenschaften des
Traumes. Einige weisen dafür auf die mangelnde Wirksamkeit der Sinneswahr-
nehmungen hin; so schon viele ältere. Neuestens A4all: Im Wachen stürmen bestän-
dig die Sinneseindrücke auf uns ein; daran stärkt sich das Wirklichkeitsbewußt-
sein; im Schlaf dagegen besteht nur ein Schattenleben der Sinne. — Man sieht
leicht, daß diese Erklärung nicht genügt. Man kann doch ohne Schwierigkeit auch
im stillsten Dunkelzimmer vernünftige Schlüsse ziehen, und im Hellen helfen die
Wahrnehmungen dazu nicht sonderlich: wer angestrengt denken will. sieht eher
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