338
Harn.
3 ) Milchsäure. Diese Säure ist ein allgemeines Pro
duct der freiwilligen Zerstörung thierischer Stoffe inner
halb des Körpers; sie ist daher in allen Flüssigkeiten des
selben enthalten. Sie bildet sich in der gröfsten Menge in
den Muskeln, wird vom Blute durch dessen Alkali gesät
tigt und in den Nieren der Thiere mit saurem Harn, wie
der davon geschieden. Diese Säure ist es hauptsächlich,
welche die freie Säure des Harns ausmacht, und obgleich
derselbe saures phosphorsaures Ammoniak und sauren phos
phorsauren Kalk enthält, so sind doch diese nur dadurch
entstanden, dafs sich die Milchsäure mit der Phosphor-
säure in die Basen getheilt hat.
Bei einer von mir im Jahre 1807 angestellten Unter
suchung über den Harn, fand ich darin diese Säure *),
welche man bis dahin nicht unter die Bestandtheile die
ser Flüssigkeit aufgenommen hatte, und da mehrere Che
miker ziemlich ungegründeterweise angenommen hatten,
diese Säure sei Essigsäure, so stellte ich eine neue Prü
fung damit an, deren Resultate zeigten, dafs die Milch
säure nicht für Essigsäure gehalten werden könne **).
Auf die chemische Beschaffenheit dieser Säure werde ich
bei Abhandlung der Milch zurückkommen, und will hier
nur bemerken, dafs sie eine nicht flüchtige, verbrennliche
Säure ist, welche mit Bleioxyd ein lösliches Salz bildet.
In letzterer Hinsicht gleicht sie der Essigsäure, unterschei
det sich aber von dieser dadurch, dafs sie selbst in einer
Atmosphäre von Ammoniakgas nicht flüchtig ist, in wel
chem Falle sich, wenn sie Essigsäure wäre, deren Flüch
tigkeit durch eine thierische Materie verhindert wäre, das
so flüchtige Salz, essigsaures Ammoniak, bilden und die
thierische Materie Zurückbleiben mülste.
Die vielen im Harn enthaltenen Materien machen die
Abscheidung der Milchsäure daraus in reinem Zustande
unmöglich; allein es ist nicht schwer, sie von anderen Sub
stanzen so befreit zu erhalten, dafs sie wiederzuerkennen
ist. Bei meinen ersten Versuchen hierüber wurde der Rück
•) Föreläsningar i Djurkemien. Stockholm i 3 oj). II p 287.
") Ibid. p. 430.