Full text: Aesthetik

. Dte Geseke der Kunst. 
doch hat hier das „zweite Moment“ mit dem ersten gleiches 
Recht, weil es zur idealisirenden Darstellung des einzelnen Gegenstandes, 
je nachdem er ist , recht wol gehören kann , daß er in Dunkel und Däm- q 
merung gehüllt oder daß er in reichen Lichtglanz und bunten Farbenprunk zul: u 
gefleidet oder ins Riesige vergrößert oder zum Niedlichen und Winzigen ver- Mi 
zierlicht und verfeinert werde oder wiederum in aller Derbheit , Wildheit, „äbiwihn 
Grauenhaftigkeit , Furchtbarkeit u. s. w. erscheine. Allein das Ganze 1 eer 
muß ein in sich geschlossenes, geründetes, harmonisirtes rh 
Werk sein, weil es als Ganzes Geisteswerk ist , während das Einzelne | 
aus der Natur aufgenommen sein kann und dann eben sein muß, wie es 
von Natur ist. Zudem ist das Kunstwerk nichts , wenn es nicht volle 
ästhetische Wirkung thut ; diese aber kann es nur dann thun, wenn es die 
Grundbedingung der Schönheit, die Reinheit strenger Form, wenigstens als 0 ku 0 
Ganzes erfüllt, da es sie in seinen einzelnen Gegenständen nicht immer er- iy ME 
füllen fann. jn, e<in 
Indeß auch die Schönheit des Einzelnen und des Ganzen ist noch nicht mt 
genügend zur vollkommenen Form; es muß zu ihr und zur Wahrheit drit- ine 1 
tens Etwas hinzukommen, das der intelligenten Auffassung entspricht, die kent! 
wir früher von dem Kunstwerk nach der Seite des Gehalts forderten. Das .. 4 
Kunstwerk soll vollkommenes Geiste8werk sein, und als solches stellt es sich Ji, 
nicht dar, wenn der Künstler ein Verhältniß nicht beachtet, das in allen 208 
Dingen obwaltet und dessen bestimmte Heraushebung man insbesondere ge- es 
rade von einem Geisteswerke erwartet, weil es ihm sonst an „Logik“ (S. 939) ns 
sehlen würde, nämlich das Verhältniß des Unterschiedes zwischen „Hauptsache en 
und Nebensachen, Grundzügen und Beigaben, Großem und Kleinem, Primä- ne 
rem und Sekundärem, Wesentlichem und Minderwesentlichem , Maßgebendem ume 
und Nachfolgendem, Uebergeordnetem und Untergeordnetem, Zusammenhalten- € 
dem und Zusammengehaltenem , Formgebendem und Formempfangendem“. TO 
Wie jeder Darsteller muß auch der Künstler diese beiden Elemente von Ne 
einander zu unterscheiden wissen und auf Grund dieser Unterscheidung je das - 4 
erste Element in der Art betonen und hervorheben , daß es wirklich als je 
„Hauptsache“ u. s. w. erscheint. Er zeichnet und malt vielleicht zunächst so, jn. 
daß feine Hauptgestalt im Ganzen ist oder sie wenigstens „nicht als solche IR 
erscheint durch Stellung, Haltung, Größe, Farbe, deutliche oder sonst augen- Ie 
fällige Sichtbarkeit , er hebt an ihr selber nicht die „großen Züge“ ihrer Pi 
körperlichen Bildung , ihres Gesichtsprofils u. s. w. hervor, er marfirt und TE 
aceentnirt nicht die Hauptlinien und Hauptmassen des Umrisses und Falten- el 
wurfs ihrer Gewandung ; er läßt am Gebäude nicht Hauptglieder, die seine EE 
Gesammtdisposition anzeigen , specifisch heraustreten , sondern sie verschwinden u 
in der Masse untergeordneter Gliederungen und Verzierungen ; er formt den . 
Körper glatt und weich, wulstig und fleischig , statt die Hauptflächen und ir 
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