Full text: Georg Wilhelm Friedrich Hegel's Vorlesungen über die Aesthetik (10. Band, 3. Theil, 3. Abtheilung)

59292 Dritter Theil, Das System ver einzelnen Künste, 
&. Was zunächst diesen angeht, so giebt es überhaupt für 
seine Kunst zwei Systeme. Das erstere, nach welchem der Dar- 
steller mehr nur das geistig und leiblich lebendige Organ des 
Dichters seyn soll, haben wir so eben berührt. Die Franzosen, 
welche viel auf Rollenfäher und Schule halten, und überhaupt 
typischer in ihren theatralischen Darstellungen sind, haben sich 
besonders diesem Systeme in ihrer Tragödie und haute co- 
medie tfeu erwiesen. Die umgekehrte Stellung nun der Schau- 
spielfunst ist darin zu suchen, daß alles, was der Dichter giebt, 
mehr nur ein Accessorium und der Rahmen wird für das Na- 
turell, die Geschicklichfeit und Kunst des Akteurs. Man kann 
häufig genug das Verlangen der Schauspieler hören: die Dich- 
ter sollten für sie schreiben. Die Dichtung braucht dann dem 
Künstler nur die Gelegenheit zu geben, seine Seele und Kunst, 
dieß Letzte seiner Subjektivität, zu zeigen und zur glänzendsten 
Entfaltung kommen zu lassen. Von dieser Art war schon bei 
den Italienern die comedia dell! arte, in welcher zwar die 
Charaktere des arlecchino, dottöre u. s. ff. feststanden , und die 
Situationen und Scenenfolge gegeben waren, die weitere Aus- 
führung aber fast durhweg den Schauspielern überlassen blieb. 
Bei uns sind zum Theil die ifflandschen und koßebueschen Stücke, 
überhaupt eine große Anzahl für sich, von Seite der Poesie her 
betrachtet, unbedeutender, ja ganz schlechter Produkte, solch eine 
Gelegenheit für die freie Produktivität des Schauspielers, der 
aus diesen meist sfizzenhafter behandelten Machwerken nun erst 
etwas bilden und gestalten muß, was dieser lebendigen selbst- 
ständigen Leistung wegen ein eigenthümliches, gerade an diesen 
und keinen anderen Künstler gebundenes Interesse erhält. Hier 
hat denn auch besonders die bei uns vielbeliebte Natürlichkeit 
ihren Pla, worin man es zur Zeit soweit gebracht hatte, daß 
man ein Brummen und Murmeln der Worte, von denen Nie- 
mand etwas verstand, als ein vortreffliches Spiel gelten ließ. 
Goethe ganz im Gegentheil überseßte Voltaire's Tankred und
	        
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