Full text: Türkisches Reich - Wechsler (18. Band)

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Wahrheit bis 
Gebiete der theoretiſchen W. iſt weſentli ver- 
ſchieden das der eth iſ<en (moraliſchèn, ſittlichen) 
n. äſthetiſchen W,, bei welcher es fi niht um die 
theoretiſhe Erkenntniß des Gegenſtandes, ſondern 
um eine Werthbeſtimmung, um eine Beurtheilung 
ſeiner ſittlihen u. äſthetiſhen. Vorzüglichkeit u. 
Berwerflichfeit (Güte u. Schönheit) handelt. Da 
ſi< hier Die wahre Erfenntnig nicht na< dem 
Gegenſtand u. ſeiner Beſchaffenheit zu richten hat, 
ſondern der Werth deſſelben nah einem von ſeiner 
wirklihen Beſchaffenheit unabhängigen Maßſtabe 
des Werths (einer ethiſchen od. äſthetiſhen Idee) 
beurtheilt wird, ſo nennt man die Gültigkeit der 
legteren u. die Angemeſſenheit des Gegenſtands an 
fie au ideale W. Jn den darſtellenden Künſten 
bezeichnet W. bald die Naturwahrheit, d.h. die 
Angemeſſenheit der Darſtellung an die natürliche 
Eigenthümlichkeit des dargeſtellten Gegenſtandes, 
bald die Kunſtwahrheit (äſthetiſche, poetiſhe W.), 
d. h, ihre Angemeſſenheit an die dem Kunſtwerke 
zu Grunde liegende äſthetiſche Idee. Als allegori- 
ſhe Gottheit galt bei den Alten die W. (Veritas, 
gr. Aletheia) als Tochter des Jupiter u. Amme 
des Apollo; fie wurde dargeſtellt mit der Sonne 
auf dem Kopfe, die Liuke auf die Bruſt legend, in 
der Rechten einen Palmenzweig od. eine brennende 
Fadel. Ausdrüde, wie <emiſce, phyſiologiſche, 
aſtronomiſche, geologiſche, exegetiſhe W. 2c. erklären 
ſi< von jelbft, infofern fie Säte od. Erkenntniſſe 
bezeichnen, welche in dem einzelnen Gebieten ber 
menſ<hlichen Forſchung als wichtig erfannt more 
den ſind od. dafür gehalten werden. Die juriſti- 
Ihe W. iſt derjenige Grad von Gewißheit, welcher 
na dem ausdrüclichen Beſtimmungen poſitiver 
Geſegze erfordert wird, damit der Richter in Rechts- 
ſtreitigkeiten u. bei den Handlungen der freiwilli- 
gen Gerichtsbarkeit eine Thatſache für hinreichend 
beglaubigt erachten kann. So lange in dieſem 
Sinne die Summe der für die W. einer Thatſache 
na< poſitiver Vorſchrift erforderlihen Gründe 
no< niht vorhanden iſt , hat der Richter dieſelbe 
do noch als ungewiß zu betrachten‘, ſollte er auh 
perſönlich völlig von der Richtigkeit der Thatſache 
überzeugt ſein ; umgekehrt kann der Richter danach 
au< genöthigt ſein Etwas für juriftiich gewiß atı- 
zunehmen, weil die pofitiven Beweisregelu erfüllt 
ſind, obſchon er ſeinerſeits no in die Zuverläſſige 
leit der Beweisgrüinde Zweifel ſetzt. Das Syſtem 
der juriftiſhen W. hat ſi< beſ. im Mittelalter un- 
ter dem Einfluß der Scholaſtik ausgebildet. Dem- 
ſelben lag das an ſi< ehrenwerthe Streben zu 
Grunde dur Fixirung dex Regeln über die Be- 
weisgründe (|. Beweis) jede Willkür des Richters 
auszuſhließen u. eine mögli<hſte Unparteilichkeit 
herbeizuführen; allein in der Ausführung dieſes 
Gedankens wurde vielfach fehlgegriffen. Das Stre- 
ben der neueren Jurisprudenz iſ daher darauf ges 
rihtet dies Syftem mehr ú. mehr wieder zu be- 
ſeitigen od. daſſelbe wenigſtens darauf zurädzus 
führen, daß dem Richter die Einhaltung der. Be- 
weisregeln nur als Richtiehnur, nicht aber als eine 
unbedingte Nothwendigkeit vorgeſchrieben wird. 
Dieſe Ummwandelung iſt im Criminalproceſſe zum 
größten Theile bereits vollzogen; weniger ift dies 
bis jeßt no< auf dem Gebiete des Civilproceſſes 
geſchehen; j. u. Beweis. Obſchon der Regel nad 
der Richter nur dann Über ein Rechtsverhältniß 
definitiv erkennen darf, wenn ihm die factiſchen 
Unterlagen deſſelben vollkommen erwiejen worden 
TER an 
Wahrnehmung 755 
find, ſo genügt es do< in manchen Fällen aus- 
nahmsweiſe, um vichterliche Befehle zu veranlaſſen, 
wenn auch nur eine Wahrſcheinlichkeit erbracht wor- 
den ift. Die Erbringung einer ſolchen Wahrſchein- 
lichkeit von Seiten einer Partei heißt Beſcheinis 
gung. Sie reicht gewöhnlich da aus, wo nur eine 
proviſoriſhe Maßregel getroffen werden ſoll, wie 
3. B. bei detn Arreſt. Sehr verſchiedene Anſichten 
herrſchen über die Frage, in wie weit eine Privat- 
perſon ſchuldig ſei dem Richter gegenüber die W. 
zu jagen. Die Frage kaun nur mit Rückſicht auf 
die verſchiedene Stellung, in welcher die Privat- 
perſouen dem Richter gegenüber auftreten können, 
beantwortet werben. Ein Angefehuldigter macht 
fich jedenfalls um deswillen, weil er läugnet od. 
dem Richter die Thatfachen nux entſtellt vorträgt, 
keines beſonderen Vergehens ſ{<uldig; es können 
ihn, ſeitdem die Folter (\. d.), ſowie die Ungehor- 
ſamsſtrafen (ſ. ebd.) abgeſchafft worden ſind, keine 
weiteren Nachtheile treffen, als daß er dadur< 
möglicherweiſe jeine Unterfuhungshaft verlängert 
u. den Richtern den guten Eindru> benimmt, wel- 
hen ein offenes Geftändniß hervorruft. Zeugen u. 
Sachverſtändige ſind zur Angabe der W. dure die 
Pflicht genöthigt, daß ſie ihre Ausſagen der Regel 
nad beeibigen müffen u., wenn ihre Ausjagen 
ſpäterhin ſi< als unwahr herausſtellen ſollten, deu 
Strafen des Meineides od. leihtſinnigen Eides 
unterfallen. Werden im Civilproceſſe von einer 
Partei od. deren Anwalt dem Richter u. dèr Gegen- 
partei gegenüber eutweder falſche Thatſachen wifjent- 
lich behauptet od. wahre Thatſachen wiſſent]ih ab- 
geläugnet, jo geht die Meinung der meiſten Rechts= 
lehrer dahin, daß hierdurch ein ſtrafbarer Betrug 
nicht begangen werde. Über die Einrede der W. 
(Exceptio veritatis) bei ehrenverlegenden Äuße- 
rungen vgl. Snjurie ©. 917. 
Wahrbeitseid, |. u. Eid I. B) d) ce). 
MWabhrheitsforjcher, jo v. w. Bhilalethen 1). 
Wahrheits8gefühl (Wahrheitsſinn), das dunkle 
Bewußtſein der Gründe, von welchen die Gültigkeit 
eines Urtheils abhängt. 
Wahrheitsliebe, das Streben nah Erkenntniß 
der Wahrheit ſammt der Bereitwilligkeit die Wahr- 
heit im Verkehx mit Andern zu ſagen, ohne Rückſicht 
auf Perſonen od. etwaigen irdiſhen Gewinn. Der 
W. Ergebene nennt man Wahrheitsfreunde. 
Wahrheitsthaler, Spottmünze des Herzogs 
Heinrich Julius zu Braunſchweig von 1597 u. 98, 
mit dem Bilde der nadten Wahrheit, welche fich 
auf ſeinen Streit mit mehren ſeiner Vaſallen 
bezieht. 
Währing, Dorf im Bezirk Hernals im öſter- 
reichiſhen Unterwienerwaldkreis, bei Wien, vor 
der Linie, mit Fabriken in Leder u. Kemifchen 
Producten; 3460 Ew. Auf dem Friedhofe dabei 
liegen die Componiften Franz Schubert (fl.,1822), 
Beethoven (ft. 1827). u. Ignaz Ritter von Seifrieb 
(ft. 1841) u. der Dichter Morig Graf Strahwig 
(ft. 1847) begraben. 
Wahrleihnam, |. Fronleihnem. 
Wahrnehmen, 1) gemahr werben, erbliden; 
2) mit den Sinnen empfinden, bemerken; 3) nach 
vorhergegangener Beobachtung bemerken; 4) auf 
etwas achten, um ſi< davor zu hüten, um es zu 
befolgen , od. zu benugen. 
Wahrnehmung, 1) die unmittelbare Auffaffung 
des Gegebenen im Bewußtſein; wird ſie durc die 
äußeren Sinne bewirkt, ſo iſt fie eine äußere W., 
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