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Wahrheit bis
Gebiete der theoretiſchen W. iſt weſentli ver-
ſchieden das der eth iſ<en (moraliſchèn, ſittlichen)
n. äſthetiſchen W,, bei welcher es fi niht um die
theoretiſhe Erkenntniß des Gegenſtandes, ſondern
um eine Werthbeſtimmung, um eine Beurtheilung
ſeiner ſittlihen u. äſthetiſhen. Vorzüglichkeit u.
Berwerflichfeit (Güte u. Schönheit) handelt. Da
ſi< hier Die wahre Erfenntnig nicht na< dem
Gegenſtand u. ſeiner Beſchaffenheit zu richten hat,
ſondern der Werth deſſelben nah einem von ſeiner
wirklihen Beſchaffenheit unabhängigen Maßſtabe
des Werths (einer ethiſchen od. äſthetiſhen Idee)
beurtheilt wird, ſo nennt man die Gültigkeit der
legteren u. die Angemeſſenheit des Gegenſtands an
fie au ideale W. Jn den darſtellenden Künſten
bezeichnet W. bald die Naturwahrheit, d.h. die
Angemeſſenheit der Darſtellung an die natürliche
Eigenthümlichkeit des dargeſtellten Gegenſtandes,
bald die Kunſtwahrheit (äſthetiſche, poetiſhe W.),
d. h, ihre Angemeſſenheit an die dem Kunſtwerke
zu Grunde liegende äſthetiſche Idee. Als allegori-
ſhe Gottheit galt bei den Alten die W. (Veritas,
gr. Aletheia) als Tochter des Jupiter u. Amme
des Apollo; fie wurde dargeſtellt mit der Sonne
auf dem Kopfe, die Liuke auf die Bruſt legend, in
der Rechten einen Palmenzweig od. eine brennende
Fadel. Ausdrüde, wie <emiſce, phyſiologiſche,
aſtronomiſche, geologiſche, exegetiſhe W. 2c. erklären
ſi< von jelbft, infofern fie Säte od. Erkenntniſſe
bezeichnen, welche in dem einzelnen Gebieten ber
menſ<hlichen Forſchung als wichtig erfannt more
den ſind od. dafür gehalten werden. Die juriſti-
Ihe W. iſt derjenige Grad von Gewißheit, welcher
na dem ausdrüclichen Beſtimmungen poſitiver
Geſegze erfordert wird, damit der Richter in Rechts-
ſtreitigkeiten u. bei den Handlungen der freiwilli-
gen Gerichtsbarkeit eine Thatſache für hinreichend
beglaubigt erachten kann. So lange in dieſem
Sinne die Summe der für die W. einer Thatſache
na< poſitiver Vorſchrift erforderlihen Gründe
no< niht vorhanden iſt , hat der Richter dieſelbe
do noch als ungewiß zu betrachten‘, ſollte er auh
perſönlich völlig von der Richtigkeit der Thatſache
überzeugt ſein ; umgekehrt kann der Richter danach
au< genöthigt ſein Etwas für juriftiich gewiß atı-
zunehmen, weil die pofitiven Beweisregelu erfüllt
ſind, obſchon er ſeinerſeits no in die Zuverläſſige
leit der Beweisgrüinde Zweifel ſetzt. Das Syſtem
der juriftiſhen W. hat ſi< beſ. im Mittelalter un-
ter dem Einfluß der Scholaſtik ausgebildet. Dem-
ſelben lag das an ſi< ehrenwerthe Streben zu
Grunde dur Fixirung dex Regeln über die Be-
weisgründe (|. Beweis) jede Willkür des Richters
auszuſhließen u. eine mögli<hſte Unparteilichkeit
herbeizuführen; allein in der Ausführung dieſes
Gedankens wurde vielfach fehlgegriffen. Das Stre-
ben der neueren Jurisprudenz iſ daher darauf ges
rihtet dies Syftem mehr ú. mehr wieder zu be-
ſeitigen od. daſſelbe wenigſtens darauf zurädzus
führen, daß dem Richter die Einhaltung der. Be-
weisregeln nur als Richtiehnur, nicht aber als eine
unbedingte Nothwendigkeit vorgeſchrieben wird.
Dieſe Ummwandelung iſt im Criminalproceſſe zum
größten Theile bereits vollzogen; weniger ift dies
bis jeßt no< auf dem Gebiete des Civilproceſſes
geſchehen; j. u. Beweis. Obſchon der Regel nad
der Richter nur dann Über ein Rechtsverhältniß
definitiv erkennen darf, wenn ihm die factiſchen
Unterlagen deſſelben vollkommen erwiejen worden
TER an
Wahrnehmung 755
find, ſo genügt es do< in manchen Fällen aus-
nahmsweiſe, um vichterliche Befehle zu veranlaſſen,
wenn auch nur eine Wahrſcheinlichkeit erbracht wor-
den ift. Die Erbringung einer ſolchen Wahrſchein-
lichkeit von Seiten einer Partei heißt Beſcheinis
gung. Sie reicht gewöhnlich da aus, wo nur eine
proviſoriſhe Maßregel getroffen werden ſoll, wie
3. B. bei detn Arreſt. Sehr verſchiedene Anſichten
herrſchen über die Frage, in wie weit eine Privat-
perſon ſchuldig ſei dem Richter gegenüber die W.
zu jagen. Die Frage kaun nur mit Rückſicht auf
die verſchiedene Stellung, in welcher die Privat-
perſouen dem Richter gegenüber auftreten können,
beantwortet werben. Ein Angefehuldigter macht
fich jedenfalls um deswillen, weil er läugnet od.
dem Richter die Thatfachen nux entſtellt vorträgt,
keines beſonderen Vergehens ſ{<uldig; es können
ihn, ſeitdem die Folter (\. d.), ſowie die Ungehor-
ſamsſtrafen (ſ. ebd.) abgeſchafft worden ſind, keine
weiteren Nachtheile treffen, als daß er dadur<
möglicherweiſe jeine Unterfuhungshaft verlängert
u. den Richtern den guten Eindru> benimmt, wel-
hen ein offenes Geftändniß hervorruft. Zeugen u.
Sachverſtändige ſind zur Angabe der W. dure die
Pflicht genöthigt, daß ſie ihre Ausſagen der Regel
nad beeibigen müffen u., wenn ihre Ausjagen
ſpäterhin ſi< als unwahr herausſtellen ſollten, deu
Strafen des Meineides od. leihtſinnigen Eides
unterfallen. Werden im Civilproceſſe von einer
Partei od. deren Anwalt dem Richter u. dèr Gegen-
partei gegenüber eutweder falſche Thatſachen wifjent-
lich behauptet od. wahre Thatſachen wiſſent]ih ab-
geläugnet, jo geht die Meinung der meiſten Rechts=
lehrer dahin, daß hierdurch ein ſtrafbarer Betrug
nicht begangen werde. Über die Einrede der W.
(Exceptio veritatis) bei ehrenverlegenden Äuße-
rungen vgl. Snjurie ©. 917.
Wahrbeitseid, |. u. Eid I. B) d) ce).
MWabhrheitsforjcher, jo v. w. Bhilalethen 1).
Wahrheits8gefühl (Wahrheitsſinn), das dunkle
Bewußtſein der Gründe, von welchen die Gültigkeit
eines Urtheils abhängt.
Wahrheitsliebe, das Streben nah Erkenntniß
der Wahrheit ſammt der Bereitwilligkeit die Wahr-
heit im Verkehx mit Andern zu ſagen, ohne Rückſicht
auf Perſonen od. etwaigen irdiſhen Gewinn. Der
W. Ergebene nennt man Wahrheitsfreunde.
Wahrheitsthaler, Spottmünze des Herzogs
Heinrich Julius zu Braunſchweig von 1597 u. 98,
mit dem Bilde der nadten Wahrheit, welche fich
auf ſeinen Streit mit mehren ſeiner Vaſallen
bezieht.
Währing, Dorf im Bezirk Hernals im öſter-
reichiſhen Unterwienerwaldkreis, bei Wien, vor
der Linie, mit Fabriken in Leder u. Kemifchen
Producten; 3460 Ew. Auf dem Friedhofe dabei
liegen die Componiften Franz Schubert (fl.,1822),
Beethoven (ft. 1827). u. Ignaz Ritter von Seifrieb
(ft. 1841) u. der Dichter Morig Graf Strahwig
(ft. 1847) begraben.
Wahrleihnam, |. Fronleihnem.
Wahrnehmen, 1) gemahr werben, erbliden;
2) mit den Sinnen empfinden, bemerken; 3) nach
vorhergegangener Beobachtung bemerken; 4) auf
etwas achten, um ſi< davor zu hüten, um es zu
befolgen , od. zu benugen.
Wahrnehmung, 1) die unmittelbare Auffaffung
des Gegebenen im Bewußtſein; wird ſie durc die
äußeren Sinne bewirkt, ſo iſt fie eine äußere W.,
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