Gattung in dem Einzelnen zum Zwe> der Erziehung
macht und die Theorie der Erziehung nur als Reiz-
theorie betrachtet, dabei aber die Erziehung von vorn
herein auf die bürgerliche Geſellſchaft , welcher der
Zögling angehört, bezogen wiſſen will. Graſers
Anſichten haben ihrer Zeit beſonders auf die Theorie
der Erziehung Einfluß ausgeübt. Ohne einer be-
ſtimmten philoſophiſchen Schule anzugehören, ſucht
F. H. K. Schwarz (Erziehungslehre, 3 Bde., 2. Auſl.,
Leipz. 1829, und Lehrbuch der allgemeinen P. , 4.
Aufl. , bearbeitet von Curtmann, 2 Bde., Heidelb.
1843) zwiſchen der rein philoſophiſchen und der theo-
logiſchen Erziehungsidee zu vermitteln.
Der eigentliche Gegenſtoß gegen die konventionelle
Behandlung der B. und gegen ihre Stübe, die Er-
fahrung, ging, nachdem ſchon der fichte’ſhe Jdealis-
mus dazu ausgehoben hatte, von Herbart aus,
der als Begründer der ſpekulativen P. unſerer
Zeit anzuſehen iſt. Unter den bedeutenderen Philo-
ſophen iſt er der einzige, der im Geiſte ſeiner Philo-
ſophie die Erziehung in den Kreis der philoſophiſchen
Forſchungen gezogen hat. Er legte ſeine pädago-
giſchen Anſichten im Zuſammenhange darin „„Pe-
ſtalozzi’s Jdee eines A B C der Anſchauung, unter-
fucht und wijfenfchaftlich ausgeführt” (1802, 2. Aufl.
1804), in der „Allgemeinen B., aus dem Zwe>e der
Erziehung abgeleitet” (1806) und dem „Umriß päs
dagogifcher Borlefungen” (2. Aufl. 1841). Herbart
läßt die ganze erziehende Thätigkeit nah drei Rich-
tungen auseinandergehen, welche er unter den Na-
men Regierung, Unterricht und Zucht begreift. Das
Verhältniß dieſer drei erziehenden Thätigkeiten zu
einander beſtimmt er in folgender Weiſe: Die. Re-
gierung hat mit dem Unterrichte das gemein, daß
ſie, wie dieſer, das Kind beſchäftigt; aber ſie hat
einen weiteren Umfang als der Unterricht. Dieſer
macht mit der Zucht die eigentliche Erziehung aus.
Beide, Unterricht und Zucht, haben das mit einan-
der gemein, daß fie für die Bildung, alfo für die
Zukunft wirken, während die Regierung, weil ſie
nicht auf Bildung geht, nur das Gegenwärtige be-
ſorgt. Der Unterricht wirkt auf den Zögling nur
mittelbar durch die UnterrichtSobjefte, die Zucht aber
erfaßt denſelben unmittelbar. Durch die Zucht wird
der Unterricht gemäßigt, wenn ſeine Wirkung das
Individuum zu ſehr anſpannt, aber auh dadurch
befördert, daß ſie den guten Willen des Zöglings für
den Unterricht erhält. Die Zucht hat mit der Re-
gierung das Merkmal gemein, daß ſie unmittelbar
auf das Gemüth wirkt, ſie geht aber auf die Zukunft
des Zöglings, die Regierung nur auf die Gegenwart.
Die Zucht mäßigt die Regierung, die ſonſt durch
arößere Härte vielleiht fchneller zum Zwecke käme.
Beide, Zucht und Regierung, haben manche Maß-
regeln (Drud, Zwang, Strafe) mit einander gemein,
aber in der Art des Gebrauchs derſelben liegen
wieder Unterſchiede. Die Regierung will, wo ſie
einmal zum Dru> ihre Zuflucht nimmt, bloß als
Macht empfunden ſein. Daher muß in ihr der Druck
auf folche Art angewendet werden, daß er fich auf
nichts einlaſſe, außer auf Durhſeßung der Abſicht ;
man ſei dabei kalt, kurz, troŒen und ſcheine Alles
vergeſſen zu haben, ſobald die Sache vorbei iſt.
Ganz anders iſt der Accent der Zucht, nicht kurz und
ſcharf, ſondern gedehnt, anhaltend, langſam eindrin-
gend und allmählig ablafjend; denn die Zucht will
als bildend empfunden ſein, Die Regierung iſt ein
Meyer’s Konv.-Lexikon, zweite Auflage, Bd. XII.
Pädagogik. ; 481
aus vielen Maßregeln, aus getrennten Akten Bu:
jammengefeßtes, die Zucht eine kontinuirliche Be-
gegnung, welche nur dann und wann des Nach-
dru>s wegen zu Lohn und Strafe und ähnlichen
Mitteln ihre Zuflucht nimmt. In neueſter Zeit
hat beſonders Mager in ſeiner „Pädagegiſchen
Revue“ und in mehren Schriften die Aufmezrkſam-
keit auf Herbaris P. zurü>gelenkt und die herbart=
ſchen Jdeen in geiſtreicher Weiſe ins Licht geſtellt,
ſür die Praxis wirkſam gemacht und fortgebildet.
In die Reihe der philoſophiſchen Pädagogen mag
auch noch Joh. Mich. Sailer gefegt fein, der zwar
ohne wiſſenſhaſtlihen Zwang, aber mit philoſophi-
ſchem Geiſte, in genialem Gedankengange und ſelbſt
ſtändiger Weiſe über Erziehung fich ausgeſprochen,
die Erziehung®idee tiefer erfaßt und im katholiſchen
Deutſchland bedeutenden Einfluß gewonnen hat.
Während die pädagogiſche Praxis, weniger auf
dem Grunde der Theorie, als auf dem günſtigen,
durch die allgemeine Volksbewezung gelockerten
nationalen Boden. mit erneuter Friſche erwuchs und
Material genug für eine neue Theorie der Erziehung
lieferte, wendete ſih doch die ſhrifſtſtelleriſche Thätig-
feit der Pädagogen fait ausfchliektich theilg der Po-
pularifirung der Wiſſenſchaft, theils der Methodik
zu. Die theoretiſche Ausbildung der P. im Ganzen
und Großen erfuhr einen langen Stillſtand; ſie
wurde erſt dur< Friedr. E. Beneke wieder auf-
genommen in ſeiner „Erziehungs- und Unterrich18-
lehre‘ (Berlin 1835 u. 1836, 2 Bde. ; 2. Aufl. 1842).
Beneke geht von der Anſicht aus, daß die geſammte
P., der Hauptſache na<, nur eine angewandte Pſy-
cologie ſei, und verſucht nun, die Neform der Pſy-
<ologie, welche ſeit dem Anfang dieſes Jahrhun-
derts ins Leben getreten iſt, für die P. fruchtbar
zu machen und ſomit eine rationale P. zu geben.
Wie Herbart, jo verwirft auch er diejenige P.,
welche ihre Regeln aus den von der Erziehung
an dem Zögling gemachten Erfahrungen allein
ableite, und will ſeine P. neben den zunächſt wor=
liegenden Erfahrungen auf „eine einfachere Erfah-
rung und Theorie” gründen, nämlich „auf die von
den allgemeinen Entwidelungsverhältniffen der
menſchlichen Seele‘“’. Er widerſpricht mit Entſchie-
denheit der gewöhnlichen Annahme, wornach alle
äußeren Einwirkungen, alſo auh die Erziehung,
nichts weiter thun könnten, als das auf dem Grunde
der Seele Schlummernde weden oder erregen, auch
allenfall3 dem Exrregten eine gemijchte Richtung ge=
ben, während alles Weſentliche durch die angeborene
Anlage entſchieden gegeben und vorgebildet ſei.
Wenn nun auch die beneke’ ſhe Pſychologie in ein-
zelnen Theilen, namentlich in der Hinſicht, daß fie
die individuellen leiblichen Einflüſſe auf die Seelen-
entwidelung nicht in gehörige Anrechnung bringt,
noch einer weiteren Begründung bedürfen mag, jo
iſt doch niht zu leugnen, daß mit dieſen pſycholo-
giſchen Anſichten die B. fich auf einen Standpunkt
freier Wirkſamkeit verſeßt, welcher zu jener Zeit, wo
es noh vor Allem galt, das angeborene Böſe aus
dem Menſchen herauszutreiben und die Gottähnlich-
keit in ihn hinein, mit dem Anathema würde belegt
worden ſein, und daß zugleich dem Erzieher eine
Verantwortlichkeit zugefchoben wird, vor welcher die
rouſſeau’ſhen Pädagogen, deren Hauptfunft darin
beſtand, dag Kind gehen zu laſſen, erfchroden fein
würden. Auf jeden Fall iſt damit der P. eine wifjen-
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