Object: Gutachten des Sachverständigen Bernhard Schwertfeger (4. Reihe, 1. Abteilung, 2. Band)

    
  
  
Schwertfeger, Politisch-militärische Verantwortlichkeiten. Zweiter Teil 
dem Obersten v. Haeften gegebene Ermächtigung, eine Friedensoffensive 
einzuleiten, deutete auf eine gewisse Friedenswilligkeit der ©. H. L. 
Trotzdem ist der Gegensatz nur ein scheinbarer. Die zutreffende Auf- 
klärung gibt General Ludendorff, wenn er in seinem Buche „Krieg- 
führung und Politik“) ausführt, die ©.H.L. habe bis in den Juli 1918 
hinein gehofft, den Willen der Feinde zu brechen und diese so friedens- 
bereit zu machen; diesen Standpunkt habe sie auch gegenüber der 
Politik vertreten. Des Rätsels Lösung dürfte darin liegen, daß die 
O. H. L. damals noch an den Sieg glaubte und die militärische Lage im 
Westen trotz der nicht genügenden strategischen Auswirkung der bis- 
herigen Offensiven auf Grund der großen taktischen Erfolge, besonders 
bei dem letzten Angriff und der Erstürmung des Chemin des dames, 
jedenfalls immer noch für stark genug hielt, um bis zur endgültigen 
Brechung des feindlichen Kriegswillens weiterzukämpfen. Die innere 
Brüchigkeit einiger Teile der deutschen Front und die allmähliche Ab- 
nutzung des gesamten Kriegsinstruments, vor allem aber die unbe- 
streitbare Übermüdung der Truppen, die immer wieder neu eingesetzt 
werden mußten, um an den Hauptbrennpunkten des Kampfes die 
notwendige örtliche Überlegenheit zu schaffen, waren noch nicht so 
deutlich in die Erscheinung getreten, daß operative Folgerungen daraus 
unbedingt hätten gezogen werden müssen. Ein Beweis hierfür sind die 
während des Juni ausgearbeiteten Denkschriften des Chefs der Opera- 
tionsabteilung im Großen Hauptquartier, Oberstleutnant Wetzell, vom 
6., 12,, 22., 27. Juni und vom 6. Juli 1918, da sie erweisen, daß Wetzell 
immer noch weitere Offensiven für möglich hielt, allerdings stets unter 
der Voraussetzung, daß die zunächst bevorstehende zu einem vollen 
Erfolge führte. So konnte er der Hoffnung Ausdruck geben, daß die 
Schlacht um Reims ein neuer entscheidender und weitreichender Schlag 
für die französische Armee und das französische Volk und die beste 
Grundlage für die Hagenschlacht gegen die Engländer werden würde 
— Denkschrift vom 12. 6. 1918 —; so konnte er bereits am 22. Juni zu- 
versichtliche Erwägungen über den etwa notwendig werdenden Winter- 
feldzug 1918/19 anstellen und an eine Offensive gegen Italien im 
Herbst denken; so konnte er am 27. Juni ins Auge fassen, nach dem 
erhofften siegreichen Kampfe gegen die Franzosen und Engländer einen 
Angriff in der Richtung auf Paris in dem Falle zu führen, daß die hierfür 
notwendig werdenden 40—45 Angriffsdivisionen noch aufzubringen 
seien, und schließlich auch noch an einen Angriff in Lothringen und im 
Elsaß auf Grund eines Operationsentwurfes der Heeresgruppe Herzog 
Albrecht denken. 
Alles dies erweist, daß die ©. H. L. damals noch in der Lage zu 
sein glaubte, den Feind durch größere Angriffsschläge friedenswillig 
zu machen. Die bisher unternommenen Offensiven hatten zu großen 
taktischen Erfolgen, bisher aber noch nirgends zu schweren Rückschlägen 
1) S. 205. 
208 
  
   
  
  
    
    
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
   
   
  
   
   
     
 
	        
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