Full text: Vorträge und Erinnerungen

  
9 Persönliche Erinnerungen aus alten Zeiten 
Physik war Phillipp vonJolly, dessen Name auch jegt noch durch das 
von ihm angegebene Gasthermometer konstanten Volumens bekannt ist. 
Sein Hauptinteresse widmete er damals Messungen über die Abnahme 
der Schwerkraft mit der Entfernung vom Erdmittelpunkt. Zu diesem 
Zweck konstruierte er eine Waage von hóchster Empfindlichkeit, doch 
gelang es ihm nicht, die zahlreichen, die Messung beeintrüchtigenden 
Nebeneinflüsse wie Temperatur, Feuchtigkeit usw. zu eliminieren, so 
daß diese Versuche zu keinen positiven Ergebnissen führten. Trogdem 
brachte Hel mholtz den Messungen lebhaftes Interesse entgegen; als 
er München einmal besuchte, ließ er sich die Versuchsanordnung in 
allen Einzelheiten zeigen. Ich selbst war bei dieser Vorführung zu- 
gegen; es war wohl das erste Mal, daß ich mit Helmholtz persönlich 
in Berührung kam. Jollys Vorlesungen hinterließen keinen allzu 
starken Eindruck, zumal er langsam und leise vortrug. Dagegen för- 
derte er seine Schüler sehr durch die praktische Ausbildung, die sie 
in seinem Institut genossen. In persönlicher Hinsicht erinnere ich mich 
Jollys als eines vielseitig gebildeten, geistvollen Mannes. Als leiden- 
schaftlicher Raucher legte er Wert darauf, nach einem guten Diner 
rechtzeitig eine Zigarre angeboten zu erhalten, und pflegte eine humor- 
volle „Zigarrenrede“ zu halten, wenn man ihn warten ließ. 
Die Atmosphäre des Jollyschen Institutes hatte zur Folge, daß 
ich mich angeregt fühlte, selbständig einige Versuche anzustellen. Bei- 
spielsweise schien es mir wichtig, festzustellen, ob den von den Theo- 
retikern bereits damals zu ihren Gedankenexperimenten benutzten 
halbdurchlässigen Wänden eine reale physikalische Bedeutung zu- 
kommt. Als halbdurchlässige Wand benutzte ich eine an ein Gasrohr 
angeschlossene Platinkuppe, die mittels einer Gasflamme zum Glühen 
gebracht wurde. Zu meiner Befriedigung stellte ich fest, daß dieses 
Material tatsächlich Wasserstoff verhältnismäßig leicht durchtreten 
läßt, während andere Gase vollkommen zurückgehalten werden. Später 
hat ja bekanntlich Halbdurchlässigkeit erwärmten Platins (und Palla- 
diums) Wasserstoff gegenüber bei zahlreichen physikalischen und 
physikalisch-chemischen Versuchen praktische Verwendung gefunden. 
Ein Lehrstuhl „Theoretische Physik“ existierte damals in München, 
wie an den meisten deutschen Universitäten, noch nicht. 
Meine mathematische Ausbildung verdanke ich den Professoren 
Ludwig Seidel und Gustav Bauer. Seidel war eigentlich 
Astronom und ist durch die ersten von ihm ausgeführten genaueren 
photometrischen Messungen der Helligkeit an Planeten und Fix- 
sternen bekannt geworden. Durch diese Messungen hatte er sich 
leider frühzeitig die Augen vollkommen verdorben. Ich habe ihn als 
einen geistreichen Mann und ausgezeichneten akademischen Lehrer 
in Erinnerung, der in seinen Vorträgen nach Möglichkeit an das an- 
zuknüpfen pflegte, was ein Unbefangener denkt. Einmal sagte er zu
	        
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