sammenhang. Er ist auch offensichtlich in klassizistischem Geschmack befangen;
denn einige bewegte Figuren sind etwas steif und starr geraten. Aber wo gibt es
wieder ein solch inneres Leuchten der Stoffe, ein solches Inkarnat des Fleisches,
eine solche Gemessenheit und eine solche feierliche Stille der Gebärden bei einem
rauschenden Geschehen. Hier ist die Wand nicht geöffnet und kein Durchblick
lockt das Auge ins Freie. Es ist eine frühe Stufe in der Entwicklung der Wand-
malerei. Aber eine Bühne ist auch hier gegeben.
Ein Gegenstück zu diesem großen Figurenbild ist erhalten in den kleinen Land-
schaftsbildern mit Szenen aus der Odyssee, welche von einer Villa auf dem Esquilin
stammen und heute in der vatikanischen Bibliothek aufbewahrt werden (Abb. 67—68).
Die duftige Ferne, das Unwirkliche der Formen von Bergen und Felsen, das Ent-
rückte und Geisterhafte der kleinen Figürchen geben den Bildern etwas Traum-
haftes. Es sind das die ersten Landschaftsbilder der abendländischen Kunst, noch
mythisch veranlaßt und gebunden, noch mit Staffage versehen; aber in Gestalt und
Stimmung der Landschaft ist ein Neues und Eigenes. Der Raum ist kein Figurenz
raum mehr, sondern ein Landschaftsraum.
Die tektonisch gegliederte Wand des zweiten Jahrhunderts bezeichnet man als
den ‚ersten Stil‘. Als ‚zweiten Stil‘ faßt man die Periode zusammen, in der die Wand
malerisch geöffnet wird. Diesem zweiten Stil gehören die eben betrachteten Bei-
spiele an. Er ist so mannigfach an Möglichkeiten der Gestaltung wie die gleich-
zeitige Plastik und Architektur. Mit ihm kommt innerhalb des späten Hellenismus
italischzrómisches Wesen auf dem Gebiet der Malerei zum Durchbruch. Bevor in
der spátaugustischen Kunst eine manieristische Rückbildung ins Flächige erfolgt,
die man den ‚dritten Stil‘ nennt, erfolgt eine bedeutsame Wendung, welche an einer
Wand im Haus der Livia auf dem Palatin (Abb. 69) erklärt werden kann. Hier ist
die vordere Säulenreihe mit der Scherwand und ihren verkröpften Säulenstellungen
ganz ähnlich wie schon in der Mysterienvilla. Hinzugekommen sind jetzt ahnliche
Architekturbilder wie beim Fannius Sinistor in Boscoreale, nur daß sie jetzt mit
Figuren versehen sind, weil es keine Theaterprospekte, sondern Wandbilder sind.
Ganz neu dagegen ist das Mittelmotiv. Verschwunden ist hier die Scheintiir, der
Durchblick über den Vorhang hinweg. Statt dessen öffnet sich ein Fenster, aber
nicht etwa hinaus auf eine naturalistische Landschaft, ja nicht einmal auf eine
solche landschaftliche Ferne mit kleinen Staffagefiguren wie bei den esquilinischen
Bildern. Man blickt auf eine mythische Figurengruppe, Io, Argos und Hermes,
welche im Vordergrund aufgebaut ist und welche keinen wirklichen Bezug hat zum
landschaftlichen Hintergrund. Griechische Figuren befinden sich in römischem
Raum. Eine eklektische und akademische Neigung ist der ganzen Wand eigen, vor
allem in der Ornamentik, welche sich ägyptisch-alexandrinischer Formen bedient;
aber auch in der Aufstellung griechischer Tafelbilder auf den Konsolen der Scher-
wand ist die historisierende Neigung zu erkennen. Die kühne und rasche Entwick-
lung der römischen Kunst wird hier klassizistisch gedämpft. Die Probleme des
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