A, Griechische Philosophie. 1. Die milesische Naturphilosophie, ($ 14—15.) 27
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mit der naiven Vorstellungsweise das Geschehen als ein sich von selbst
Verstehendes hinnahm, vertrat er, wie seine Nachfolger, die sog. hylozoi-
stische Ansicht, der die Materie eo ipso als bewegt und damit auch als
beseelt erscheint. Hiermit vertragen sich solche Angaben wie die, dass er
gesagt habe merra minoN Gewv eivaı,!) oder die, dass er dem Magnet eine
Seele zuschrieb.?) Die wissenschaftliche Weltansicht schloss auf dieser
Stufe die phantasievolle Naturbetrachtung der griechischen Mythologie
offenbar noch nicht aus. .
Die Lebenszeit des Thales wird durch die Sonnenfinsternis bestimmt, welche er
vorausgesagt haben soll, und welche nach den neueren Untersuchungen (bes. ZEcH, Astro-
nomische Untersuchungen über die wichtigsten Finsternisse, Leipzig 1853) in das Jahr 585
zu setzen ist. Sein Leben fällt jedenfalls in die Zeit der Blüte Milets unter Thrasybulos;
“ber das Geburtsjahr ist nichts sicher zu bestimmen; sein Tod ist erst nach der persischen
[nvasion in der Mitte des 6, Jahrhunderts anzusetzen (Drens, Rhein. Mus. XXXI, 15 f.).
Er gehörte dem alten Geschlecht der Theliden an, welches von den in Kleinasien einge-
wanderten böotischen Kadmeern herstammte; daher die Angabe, er sei phönizischer Ab-
kunft gewesen (ZELLER I*, 169, 1). Ueber seine praktische und politische Bethätigung
8 9; über seine mathematischen und physikalischen Kenntnisse, $ 10, Die ägyptischen
Reisen, von denen die spätere Litteratur berichtet, sind mindestens zweifelhaft, wenn auch,
vorausgesetzt dass er Handel trieb, keineswegs unmöglich. Von Schriften des Thales lagen
schon dem des Aristoteles keine vor, und es muss danach zweifelhaft erscheinen, ob er
äberhaupt geschrieben hat.
15. Ist Thales als der erste Physiker zu betrachten, so tritt uns als
der erste Metaphysiker sein etwas jüngerer Landsmann Anaximander
(611—545) entgegen. Denn seine Beantwortung der Frage nach dem
Weltstoff ist bereits ihrem Inhalte wie ihrer Begründung nach, von der
des Thales wesentlich verschieden. Dieser hatte den Weltstoff unter den
empirisch bekannten gesucht und denjenigen darunter gewählt, welcher ihm
als‘ der allseitig wandelbarste erschien: wenn sich Anaximander dabei
nicht beruhigte, so geschah es mit der ausdrücklichen Begründung,?) der
Weltstoff müsse als unendlich gedacht werden, damit er sich nicht in den
Erzeugungen erschöpfe. Aus dieser Forderung folgt nun umittelbar,. dass
der Weltstoff unter .den empirisch gegebenen Stoffen, die sämtlich begrenzt
sind, nicht gesucht werden darf; und es bleibt zu seiner Bestimmung nur
das Merkmal der räumlichen und zeitlichen Unendlichkeit übrig. Daher
sagt Anaximander: die &oyr ist das &meıg0V.
Das Wichtigste bei dieser Wendung ist, dass hier zum erstenmal
der Schritt aus dem Konkreten in das Abstrakte, aus dem Anschaulichen
in das Begriffliche gemacht wird: Anaximander erklärt das sinnlich Gege-
bene durch ein Gedachtes. Der Fortschritt besteht also darin, dass dies
krei00V von allen wahrnehmbaren Stoffen verschieden ist; Anaximander
führt die erfahrbare Welt auf ein unerfahrbares Wesen zurück, dessen
Vorstellung aus einem begrifflichen Postulat entspringt; er charakterisiert
dieses unerfahrbare Wesen durch alle die Prädikate, welche sein Nach-
denken von dem Weltstoff verlangt: er nennt es dIavatoy xAl AVOASHOOV,
2at. deor. I, 10, Th. habe dem Stoff einen
bildenden Gottesgeist gegenübergestellt, ver-
raten einerseits stoische Terminologie und
lassen andererseits eine Verwechselung mit
Anaxagoras vermuten. Der Hylozoismus aller
alten Physiker. also auch des Thales, ist
durch Arist. Met, TI, 3 sichergestellt.
') Arist. de an. I 5, 411a 8.
?) Ib. I 2, 405a 20.
3) Arist phys. III 8, 208a 8: cf. Plut.
Place. I 3 (Dox. 277), ia N yEVECLS MN ENt-
ASLTN.