Full text: Immanuel Kant's sämmtliche Werke (6. Band)

370 Das Ende 
ürste, weil ohne sie auch keine wahre Liebe stattfindet; ob man gleich gebe 
ohne Liebe doch grosse Achtung gegen Jemand hegen kann. Aber wenn an ve 
es nicht blos auf Pflichtvorstellung, sondern auch auf Pflichtbefolgung (den 
ınkommt , wenn man nach dem subjectiven Grunde der Handlungen hris 
fragt, aus welchem, wenn man ihn voraussetzen darf, am ersten zu er- Gese 
arten ist, was der Mensch thun werde, nicht blos nach dem objee- „liege 
iven, was er thun soll; so ist doch die Liebe, als freie Aufnahme des ders 
illens eines Andern unter seine Maximen, ein unentbehrliches Ergän- 
zungsstiück der Unvollkommenheit der menschlichen Natur, (zu dem, röh! 
vas die Vernunft durch Gesetz vorschreibt, genöthigt werden zu müssen ;) i en‘ 
denn was Einer nicht gern thut, das thut er so kärglich, auch wohl mit wer 
sophistischen Ausflüchten vom Gebot der Pflicht, dass auf diese, als Trieb- eb 
feder, ohne den Beitritt jener, nicht sehr viel zu rechnen sein möchte. wie 
‚Wenn man nun, um es recht gut zu machen, zum Christenthum noch sole: 
irgend eine Auctorität, (wäre es auch die göttliche,) hinzuthut, die Ab- an 
icht derselben mag auch noch so wohlmeinend und der Zweck auch einf 
virklich noch so gut sein, so ist doch die Liebenswürdigkeit desselben Jen 
erschwunden; denn es ist ein Widerspruch, Jemanden zu gebieten, ir 
ass er etwas nicht allein thue, sondern es auch gern thun solle. BT 
Das Christenthum hat zur Absicht: Liebe, zu dem Geschäft der, sie 
eobachtung seiner Pflicht überhaupt, zu befördern, und bringt sie auch na 
1ervor; weil der Stifter derselben nicht in der Qualität eines Befehls- sol] 
1abers, der seinen, Gehorsam fordernden Willen, sondern in der eines g V 
[enschenfreundes redet, der seinen Mitmenschen ihren eignen wohlver- sbri 
standenen Willen, d. i. wornach sie von selbst freiwillig handeln würden 
wenn sie sich selbst gehörig prüften, ans Herz legt. De 
Es ist also die liberale Denkungsart, — gleichweit entfernt vom ‚de; 
Sklavensinn und von Bandenlosigkeit, — wovon das Christenthum für es, 
eine Lehre Effect erwartet, durch die es die Herzen der Menschen für un 
ich zu gewinnen. vermag, deren Verstand schon durch die Vorstellung je, 
es Gesetzes ihrer Pflicht erleuchtet ist.__ Das Gefühl der Freiheit in der A 
ahl des Endzwecks ist das, was ihnen die Gesetzgebung liebenswürdig „kC 
acht. — Obgleich also der Lehrer desselben auch Strafen ankündigt, 
o ist das doch nicht so zu verstehen, wenigstens ist es der eigenthüm- hi 
ichen Beschaffenheit des_Christenthums nicht angemessen, es so zu er os 
lären, als sollten diese die Triebfedern werden, seinen Geboten Folge x 
u leisten; denn sofern würde es aufhören, liebenswürdig zu sein. Son; / 
ern man darf dies nur als liebreiche, aus dem Wohlwollen des Gesetz-
	        
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