Full text: Gewerkvereine - Muster- und Modellschutz (4. Band)

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Merkantilsystem 
Pflege der Schiffahrt, die Entwickelung der 
Fdolonien, die Fortweisung der fremden Kauf— 
leute aus dem Lande empfohlen. Ein beson⸗ 
derer Platz in der Geschichte der National— 
hkonomie gebührt Emeric de Lacroix, dem 
Verfasser des 1623 erschienenen Nouveau Cy- 
née. Er ist in vielen Beziehungen dem Zeit—⸗ 
alter vorausgeeilt mit seinen humanen Ideen 
bom Weltfrieden, der größeren Gleichheit 
des Besitzes, der Fürsorge für die unteren 
Klassen; aber er ist auch Merkantilist in sei⸗ 
nem Eintreten für die Entwickelung des aus— 
wärtigen Handels und der Seefahrten. Auch 
soweit er die Staatsmänner beherrscht, kommt 
der französische Merkantilismus in höchst 
verschiedenen Persönlichkeiten zum Ausdruck. 
Ein Merkantilist war Sully, der mit aller 
Strenge die Ausfuhr der Edelmetalle unter— 
drückte, die ausländischen Luxuswaren ver— 
bannte. Aber er hielt sich gleichsam nur an 
die negative Seite des Systems, indem er 
in der Selbstgenügsamkeit die Bereicherung 
des Landes suchte. Fast als der genaue 
Gegensatz zu ihm erschien einem späteren 
Jahrhundert Colbert, der doch gerade als 
die vollkommenste Verkörperung aller mer— 
kantilistischen Ideen uns entgegentritt. Denn 
in der That ist seine Wirtschaftspolitik so 
beschaffen, daß sie ohne Zuhilfenahme ande—⸗ 
rer Erwägungen aus den Grundsätzen des 
Merkantilismus allein erklärt werden könnte. 
Damit ist noch nicht ausgesprochen, daß diese 
Politik im wesentlichen eine unrichtige war; 
aber seine Maßnahmen mußten jedenfalls 
bei ihrer unveränderten Fortdauer als un— 
vollständig sich erweisen. Eine spätere Zeit, 
in der diejenigen Interessen, deren besondere 
Pflege sich Colbert nicht zum Ziele gesetzt 
hatte, von überwiegender Wichtigkeit wurden, 
hat gerade seine Unterlassungen mit seinem 
Namen verknüpft und Mengotti hat 1791 das 
System, welches die Landwirtschaft vernach⸗ 
lässigt, als Colbertismus bezeichnet. Dagegen 
haben auch noch während des 18. Jahrh. 
viele französische Schriftsteller die Pringipien, 
die er befolgt hatte, als den Inbegriff einer 
richtigen Politik verteidigt, so Melon, For— 
bonnais, Necker. 
Eine gewisse Parallele zu der englischen 
Entwickelung, eine Anpassung des Systems 
an verschiedene wirtschaftliche Standpunkte 
läßt sich noch in anderen Ländern, in Hol—⸗ 
land sowohl wie in Spanien, beobachten. In 
diesem letzteren Lande hat am Anfange des 
17. Jahrh. Medina del Campo die Lehre von 
der Handelsbilanz deutlich entwickelt, zwan— 
zig Jahre später Sancho de Moncada die 
Beförderung der Industrie empfohlen. Um 
die Mitte des Jahrhunderts bekennt sich 
Martinez de Mata schon zu einer viel freie— 
ren Auffassung, indem er die Industrie haupt— 
sächlich als das Mittel der Beschäftigung und 
des Unterhalts der Bevölkerung betrachtet, bis 
uletzt eine anonyme Denkschrift 1686 sich zu 
Anschauungen erhebt, die an das Smith'sche 
Industriesystem anklingen, und nicht im Gold 
und Silber, sondern „in dem kostbarsten Me— 
tall, dem Schweiß, der auf der Stirne perlt,“ 
die einzig zuverlässige Quelle staatlicher 
Größe und nationalen Reichtums findet. 
In Deutschland ist die Nationalökonomie 
im 17. Jahrh. durch die auswärtige Littera— 
zur angeregt worden. Wir finden hier einen 
chroffen Merkantilismus in einer Zeit, in 
der dessen Lehrsätze anderwärts schon durch 
ꝛ»ine Menge neuer Erkenntnisse sehr in den 
hintergrund gedrängt waren. Natürlich fand 
auf Deutschland ein Teil der merkantilistischen 
Prinzipien keine Anwendung und konnte hier 
von den Schriftstellern nicht wiederholt wer— 
den. Drei Namen vertreten den Merkanti— 
ismus und jeder doch auch vorzugsweise 
eine besondere Seite davon. Becher, dessen 
hauptwerk 1668 erschien, sieht in der Volks— 
zahl die wichtigste Grundlage für die Blüte 
der Länder. Dagegen hat Hornick, der 1684 
ein berühmtes Buch „Oesterreich über Alles“ 
beröffentlichte, die Entwickelung der Manu— 
faktur zum Zwecke der Beschränkung des Ver⸗ 
hrauches auf heimische Produkte am meisten 
empfohlen. Der dritte in der Reihe ist 
W. von Schröder, dessen „Schatz⸗ und Rent— 
ammer“ 1686 erschien und der, dem Staate 
ioch ein ferneres Ziel setzend, den Nutzen des 
bbaues der Edelmetalle und denjenigen des 
ZHandels zur Vermehrung des öffentlichen 
Reichtums hervorhob. Eine Verbindung der 
nerkantilistischen Ideen mit den neuen Er— 
ahrungen, welche die Fortschritte des poli— 
ischen und wirtschaftlichen Lebens lieferten, 
»ollzog sich in Deutschland erst im Laufe des 
18. Jahrh. durch Männer wie Justi und 
Sonnenfels. 
4. Hiedergang. Eine allmähliche Auflösung 
des Merkantilismus erfolgte in England. 
Indem hier eine Menge neuer Einsichten ge— 
vonnen wurden, konnte es zuletzt nicht feh— 
en, daß dadurch nicht mehr zu verkennende 
Widersprüche mit den merkantilistischen 
Brundwahrheiten entstanden. So führte das 
tief eindringende Studium des Geldwesens 
chon Petty und dann North zu der Erkennt—⸗ 
nis von den Nachteilen eines den Bedarf 
ibersteigenden Geldumlaufes. Schon Petty 
st es auch gewesen, der am Beispiel Ir— 
ands entdeckte, daß ein Land verarmen kann, 
vährend seine Warenausfuhr die Einfuhr 
mmer übersteigt, und er hat auch, der mer— 
tantilistischen Lehre eingedenk, es ausgespro⸗ 
hen, daß in dieser Thatsache ein „Paradoxon“ 
iege. Die Fortschritte der Statistik trugen 
dann dazu bei, den Glauben an die Berech— 
aungen der Handelsbilanz zu erschüttern; 
Davenant hält wohl noch an der Theorie fest, 
herzweifelt aber daran, daß sich ein prak—⸗— 
rischer Gebrauch davon machen lasse. Von 
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