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Florenz, 26. Dezember 1876
Lieber John!
Es wird mir schwer, die Worte zu einem Briefe zu
finden, in welchem ich für eine achtjährige schwere Unter-
lassungssünde Abbitte thun oder mich rechtfertigen soll, wes-
wegen ich einen herzlichen Freund so standhaft durch mein
Schweigen gekränkt habe. Könnte ich, was ich fühle, hin-
drucken auf das Papier, statt daß ich es in das lahme, kalte
Wort umseßen soll, ich würde den ganzen Tag Briefe schreiben,
vielmehr drucken, und meine Freunde würden kaum zu einer
andern Lectüre kommen. So aber, da der Weg aus Herz
und Hirn zu meinen Lieben über das Alles abschwächende
Tintenfaß führt, bin ich der Hamlet unter den Briefstellern
und oft fühle ich, daß dieser Mangel an Actualität einen
tragischen Zug hat und selbst auf mein Geschi> bestimmend
einwirkt. E38 lastet oft schwer auf mir, und wenn ich Ihrer
gedenfe, doppelt. Verzeihen Sie mir! Wenn Sie mich ge-
sehen hätten. wie ich so oft in den vielen Städten, in denen
ich mich unterdessen aufgehalten habe, jungen Landsleuten
von Ihnen, die mir Ihnen ähnlich schienen, nachgelaufen bin,
um mich zu überzeugen, ob Sie es seien oder nicht, wie ich
in allen englischen Büchern und Zeitungen, die mir unter
die Hand kommen, nach Ihrem Namen suche, um nur die
paar toten Buchstaben begrüßen zu können, so würden Sie
wenigstens nicht glauben, daß Gefühlskälte der Grund meiner
Saumseligkeit war. Wenn ich am erfülltesten bin, schreibe
ich am wenigsten. Als ich vor zweieinhalb Jahren schwer
erkrankte und nach dem Spruch der Ärzte sterben sollte,
und selbst die Hoffnung aufgegeben hatte, und mir in den
einsamen Nächten die Gedanken herüber und hinüber gingen,
da war e8 mein glühender Wunsch, Ihnen wenigstens noch