Platonische Ideenlehre. 141
stehen. Die Erkenntnis dieses letzteren wird uns nicht durch
die Gattungs- und Artbegriffe, sondern durch jene oben er-
wähnten völlig anders gearteten Begriffsbildungen vermittelt,
welche von der in Rede stehenden Theorie vernachlässigt werden.
Der begrifflichen Formen, in welchen die rationalistische Meta-
physik die Erkenntnis des „wahren Seins“ gucht, sind also
tatsächlich nicht diejenigen, die uns die Erkenntnis des
beharrlichen Seins der Dinge verschaffen; die Identification
jener begrifflichen Formen mit dem beharrlichen, wahren We-
ser. der Dinge kann folglich nur durch einen Gewaltact ge-
wonnen werden — ein Gewaltact, der eben darin besteht, daß
jene Begriffe hypostasiert, d. h. als an und für sich existie-
rende Wesenheiten — und zwar als die einzigen solchen —
in Anspruch genommen werden. Man sieht, wie sich ‚in dieser
Hypostasierung ein Rest naturalistischen Dogmatismus
offenbart: wäre nicht die Welt des bleibenden Seins von vorn-
herein als eine an und für sich existierende stillschweigend
vorausgesetzt, so läge zu jenem Schlusse keinerlei Veranlassung
vor. Vermöge dieses naturalistischen Elementes also führt
die rationalistische Überlegung trotz ihres rein psychologischen
Ausgangspunktes zu einem Dualismus, der die Grenzen der
möglichen Erfahrung weit überschreitet.
Gedankengänge der im Vorigen geschilderten Art bilden
den Kern der Lehre Platons, die, wenn auch in wechselndem
Gewande und bald mehr, bald minder consequent festgehalten,
Jahrhunderte hindurch das philosophische Denken wesentlich
beeinfiußt hat, Auf die begriffliche Erkenntnis als die
Grundlage allgemeinen und sicheren Wissens hatte im
Gegensatze zur sophistischen Skepsis zum ersten Mal Sokrates
hingewiesen. In (Gesprächen über alltägliche Gegenstände
pflegte er bekanntlich seine Mitbürger auf die Lückenhaftig-
keit ihrer Erkenntnis und die Notwendigkeit klarer begriff.
licher Bestimmungen aufmerksam zu machen, welche er seiner-
seits durch Induetion aus einzelnen Fällen zu gewinnen
suchte. Sein Bestreben war hierbei in erster Linie auf die
Sicherstellung ethischer Erkenntnis gegenüber den bedenk-
lichen Consequenzen der sophistischen Lehren gerichtet. Zu