Qi) $ 26. Gestaltqualitäten.
gegeben sind und sich nicht willkürlich hinzufügen oder ver-
ändern lassen — wie also etwa das „Intervall“ oder die
„Distanz“ zweier Töne durch eben diese Töne bestimmt ist
und nicht verändert werden kann, solange die Töne dieselben
bleiben — so ist auch die dem Gedächtnisurteile zu Grunde
liegende zeitliche Relation in der Färbung des Erinnerungs-
erlebnisses gegeben und kann nicht durch einen Willküraet
unsererseits einem beliebigen vorgestellten Inhalte angeheftet
werden. Wir benennen solche Verschiedenheiten als Ver-
schiedenheiten der „zeitlichen Stellung“ der vorgestellten Er-
Jebnisse — die primäre Tatsache aber, die wir hier benennen,
ist eben jene Verschiedenheit der Färbung der Erinnerungs-
erlebnisse.*)
Durch eben jene Färbung unterscheidet sich sonach die
Erinnerung im engeren Sinne von der bloßen Vorstel-
lung eines Inhaltes, mit welcher sich nicht die Überzeugung
verbindet, daß wir zu dieser oder jener bestimmten Zeit den
betreffenden Inhalt erlebt haben. Man sieht leicht, wie solche
„bloße Vorstellungen“ nicht nur durch willkürliche Abstraetion,
sondern im natürlichen Laufe unserer Entwicklung von selbst
zu Stande kommen: je häufiger Inhalte einer bestimmten
Qualität in verschiedenen Complexen erlebt werden, ohne Jaß
die Gestaltqualitäten der letzteren jedes Mal beachtet werden,
um so weniger wird bei einer späteren Vorstellung der be-
1) Im Falle der Erinnerungsurteile können wir hiernach für jenes
„Gefühl der Überzeugung‘, welches dem Urteil nach der Humeschen
Theorie zu Grunde liegen soll, eine vollständige Erklärung geben; das-
selbe ist mit.der im Texte bezeichneten „Färbung‘ der betreffenden
Gedächtnisvorstellungen identisch.
Man beachte übrigens, daß die zeitlichen Relationen der erinnerten
Erlebnisse und die zeitlichen Relationen ihrer Gedächtnisbilder
vollständig unabhängig von einander sind. Ich kann an meine früheren
Erlebnisse in ganz beliebiger Reihenfolge denken; dagegen kann ich
sie nicht als in einer Reihenfolge erlebt denken, die ihrer wirklichen
Folge nicht entspricht, wenn anders diese Folge mir erinnerlich ist;
d. h. ich kann nicht die auf den tatsächlichen zeitlichen Beziehungen
meiner Erlebnisse beruhende Qualität der entsprechenden Erinnerungen
willkürlich verändern — so wenig ich in irgend einem Falle eine Vor-
stellung hervorrufen kann, die mir einen Inhalt als soeben erlebt vor-
stellt, während ich denselben tatsächlich nicht soeben erlebt habe.
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